Vatersland

„Muss man sehen“ kulturmovies

Vatersland | Kritik

Als Marie eines Tages eine große Holzkiste voller Fotos und Filmmaterial ihres Vaters erbt und sie eine erste Sichtung des Materials vornimmt, kommen viele verdrängte Erinnerungen wieder hoch: Ihr Vater war Betriebsfotograf einer Kölner Firma und hat auch privat fotografiert und gefilmt, was die Geräte hergaben, die Familie musste immer präsentabel sein. Marie tun sich beim Anblick der vielen Erinnerungsstücke Momente der Vergangenheit auf, die sie längst verdrängt und vergessen hatte: Der Krebstod ihrer Mutter nach langem Leiden in den 1950ern, die reaktionären Erziehungsmethoden des völlig überforderten Vaters, immerhin ihre Gymnasialausbildung, wenn auch in einem strengen katholischen Mädchenpensionat. Dann die Jahre der Befreiung in den 1960ern und frühen 70ern sowie die Bildung eines linken politischen Bewusstseins. Das alles erzählt der Film Vatersland.

Marie – das Alter Ego der Filmemacherin Petra Seeger, es ist ihre Kindheits- und Jugendgeschichte – wird von insgesamt vier Personen gespielt: Margarita Broich ist die 48-jährige Marie, die sich ihrer Vergangenheit stellt und als Filmemacherin wie Seeger selbst aus dem Material den Film Vatersland formt; Felizia Trube als 8- bis 10-jährige Marie, Momo Beier als Marie in den frühen Teenagerjahren und Stella Holzapfel als 14- bis 18-Jährige. Petra Seeger aber – von ihr ist auch der mit vielen Preisen ausgezeichnete Dokumentarfilm „Auf der Suche nach dem Gedächtnis“ über den berühmten Hirnforscher Eric Kandel – hat mit Vatersland einen intensiven Film über das Erinnern gedreht. Der Schnitt von Archivmaterial und Spielfilmsequenzen, der Sprung durch die Zeiten aufgrund einer plötzlich forcierten Erinnerung, die Überschneidung von unterschiedlichen Zeiten am gleichen Ort: All das ist absolut gelungen und der Film im Ergebnis ein wichtiger Beitrag über die Emanzipation einer Frau in den frühen Jahren der Bundesrepublik. Als der Vater auf dem Sterbebett liegt, fotografieren sie sich ein letztes Mal gegenseitig.

Der Film Vatersland ist – obwohl formal wie auch filmästhetisch gänzlich unterschiedlich – in seinem genauen Blick auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die Augen seiner Protagonistin vergleichbar mit dem wunderbaren und wichtigen Dokumentarfilm und Gesellschaftspanorama „Walchensee forever“. jw

Vatersland | Fotos

Vatersland | Besetzung

Vatersland (Poster)

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