Über die Unendlichkeit

„Muss man sehen“ kulturmovies

Einen Film von Roy Andersson erkennt man schon am ersten Frame: Seit „Songs from the second Floor“ (2000) sind seine so grotesken wie elegischen Filme aus statischen Tableaus zusammengesetzt, bevölkert von bleichgesichtigen Menschen, zurückgeworfen auf die Unzulänglichkeit und Unumgänglichkeit des Daseins.

Feine Verschiebungen …

Sein neuer Film „Über die Unendlichkeit“, der erste seit dem Venedig-Gewinner „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ von 2014, macht da keine Ausnahme – es gibt nur feine Verschiebungen: Wo der Vorgänger die Kontinuität von Zeit und Raum außer Kraft gesetzt hat, ist es diesmal die Linie zwischen Realismus und Fantastik, die schmaler wird. Etwa in einer der schönsten Episoden, in der ein eng umschlungenes Paar durch die Wolken über das zerbombte Köln fliegt, wie alle Szenen von einer Scheherazade-ähnlichen Erzählerin mit dem Satz eingeführt: „Ich habe einen Mann/eine Frau gesehen, der/die …“

… und purer Existenzialismus

Sie sieht eine besiegte Armee auf dem Weg ins Gefangenenlager. Einen Priester, der den Glauben verliert. Eine Frau, die wartet. Einen Mann, der im Bus weint. Den unachtsamen Moment eines Kellners. „Über die Unendlichkeit“ ist purer Existenzialismus: Der schwedische Regisseur macht keinen Unterschied zwischen Alltagsmomenten und historischen Wendepunkten, zwischen Trivialem und Weltbewegendem; manche Figuren kehren wieder, manche nicht. Sie alle eint: Selten wurde dem Sein auf so berührende Weise der höhere Sinn abgesprochen. msb

Über die Unendlichkeit (Poster)