Töchter

„Sollte man sehen“ kulturmovies

Töchter | Kritik

Es ist eine sehr schräge Figurenkonstellation, die im Zentrum von Nana Neuls Verfilmung des Romans „Töchter“ von Lucy Fricke steht. Da ist die unnahbare, schwarzhumorige Schriftstellerin Betty (Birgit Minichmair), die von ihrer neurotischen Freundin Martha (Alexandra Maria Lara) zwangsrekrutiert wird, um ihren todkranken Vater Kurt (Josef Bierbichler) zu seinem Sterbehilfe-Termin in die Schweiz zu fahren. Schnell stellt sich jedoch heraus, dass Kurt den Termin in der Schweiz lediglich vorgeschoben hat, um seine Tochter auf dem Weg dorthin zu überreden, ihn an den Lago Maggiore zu fahren. Dort hat Kurt einst seine erste große Liebe verloren, zu der er nun den Kontakt wieder aufgenommen hat.

Also wird aus der eintägigen Fahrt in die Schweiz ein Roadtrip wider Willen, auf dem Martha und Kurt ihre dysfunktionale Beziehung peu à peu aufarbeiten. Und auch Betty, die eigentlich meint, die Chance der Aussöhnung mit ihrem abwesenden Stiefvater – dem Trompeter Ernesto – durch dessen Tod auf immer verloren zu haben, findet bald heraus, dass dieser noch leben könnte. So führt uns die Handlung aus dem grauen Dortmund über Italien bis nach Griechenland und bei jeder Etappe wird das ungleiche Trio aus Betty, Martha und Kurt wieder neu sortiert: Erst bleibt Kurt am Lago Maggiore zurück, und die beiden Freundinnen mischen als Duo eine italienische Kleinstadt auf.

Dann zitiert Kurt Martha zurück (er hat es sich mit seiner Verflossenen wieder verscherzt), und wir begleiten Betty auf sich zurückgeworfen bei der Suche nach ihrem Stiefvater auf einer abgelegenen griechischen Insel, wo Kurt und Martha sie schließlich wieder einholen.

Mitunter wirkt diese Handlung fragmentarisch, im schlimmsten Fall gar ziellos, doch Regisseurin Nana Neul gibt das Tempo nie ganz aus der Hand. Vielmehr nutzt sie die weitläufige Handlung, um die großartigen Performances und die Chemie zwischen ihren Hauptdarsteller:innen in den Vordergrund zu stellen. Das passt für Stoff, der sich so intensiv mit Familienbanden und ihren Zerwürfnissen befasst: Zwischen Alexandra Maria Lara und Josef Bierbichler wird die Last von 40 Jahren unausgesprochener Konflikte ebenso spürbar wie der trotzige Wille zur Versöhnung. Birgit Minichmayr brilliert dagegen zum einen als die zünftige Schwarzseherin, der der altmodische Vater als Saufkumpan vom ersten Moment an sympathisch ist. Aber sie überzeugt auch als Fels in der Brandung für ihre Freundin – und als verlorene, zutiefst verletzte Seele. Ähnlich variabel ist der Ton: „Töchter“ schwankt zwischen Roadmovie-Komödie, versöhnlichem Drama und intimer Charakterstudie, bis das wahrlich famose Ende all diese Bruchstücke in einer Szene vereint, die zu Tränen rührt.

Jonah Lara

Töchter | Fotos

Töchter | Besetzung

Töchter (Poster)

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