The International

„Sollte man sehen“ kulturmovies

„Als mein Autor und ich vor fünf Jahren mit dem Projekt anfingen, wollten wir ein System finden, das innerhalb unserer Gesellschaft relativ unbemerkt mit gigantischen Werten skrupellos und zerstörungswütig operiert“, sagt Regisseur Tom Tykwer. „Das trifft natürlich ziemlich oft auf Banken zu.“ Dass das System infolge der aktuellen Finanzkrise nicht mehr relativ unbemerkt operiert, kommt „The International“ nur zugute: Plötzlich ist der Actionthriller auf der Höhe der Zeit, und Tykwer kann sich in Interviews für ein Auflehnen gegen das bestehende Wirtschaftssystem stark machen. Nicht mehr und nicht weniger tut auch sein Film. „The International“ begleitet den Interpolagenten Louis Salinger (Clive Owen), der gemeinsam mit der Anwältin Eleanor Whitman (Naomi Watts) die Machenschaften einer einflussreichen Bank aufdecken will: Die (in der Realität bereits 1991 aufgeflogene) BCCI finanziert mit dem Geld ihrer Kunden Kriege und Terroraktionen und ist eine der mächtigsten Institutionen der Welt. Wer nicht mitspielt, wird ermordet, und so stehen auch Salinger und Whitman bald auf der Abschussliste. Salinger jedoch glaubt an Gerechtigkeit: Wenn er die Bank nur auffliegen lassen kann, werden die Verantwortlichen in einem fairen Prozess angeklagt werden.

„Fiktion muss logisch sein“

Der Deutsche Wilhelm Wexler (Armin Mueller-Stahl), der als Berater in der obersten Chefetage von BCCI sitzt, raubt ihm diese Illusion. „Es gibt einen Unterschied zwischen Realität und Fiktion“, erklärt er. „Fiktion muss logisch sein.“ Tykwer gelingt es, die räumlichen Dimensionen der schmutzigen Geschäftemacherei klarzumachen – seine Protagonisten jetten von Berlin nach Mailand nach New York nach Paris nach Istanbul, während die Waffenhersteller in China und die Käufer in Afrika sitzen. Dass die grauen Herren der BCCI zwar global agieren, zugleich aber systematisch Einzelleben zerstören, illustriert „The International“ auch in seinen Bildern: Weitwinkelaufnahmen aus der Vogelperspektive, in denen Salinger als kleiner Punkt die Treppen zur Bank hinaufsteigt, wechseln sich ab mit Bildern einer Hand, die aus nächster Nähe aufgenommen einen Schalldämpfer auf ein Gewehr schraubt, mit dem kurze Zeit später ein italienischer Politiker erschossen wird. Insgesamt leistet Tykwers angestammter Kameramann Frank Griebe („Lola rennt“, „Das Parfum“) großartige Arbeit, deren Höhepunkt eine Schießerei im New Yorker Guggenheim-Museum ist; ein blutiges und minutenlanges Duell, bei dem Gut und Böse sich die spiralförmig hochschraubenden Etagen rauf und runter jagen.

„The International“ ist in erster Linie ein Actionthriller

Diese Szene ist es, die am stärksten klar macht: Mag Tykwers Botschaft noch so politisch sein, in erster Linie ist sein Film ein Actionthriller. Dementsprechend blubbert Blut aus Schusswunden, läuft Clive Owen im letzten Filmdrittel mit zerfetztem Ohrläppchen herum. Owen übrigens ist der einzige Schwachpunkt des Films. Seine „Ich gegen den Rest der Welt“-Miene ist zu starr, sein entschiedener Gang ein bisschen zu forsch, und die Art, wie er seine Anzüge trägt, signalisiert etwas zu plakativ den Außenseiter. (jul)

The International (Poster)