The Dark Knight Rises

„Sollte man sehen“ kulturmovies

Christopher Nolan hat die Figur des dunklen Rächers mit seinen „Batman“-Filmen aus der bonbonbunten Ecke geholt, in der sie in den 90er-Jahren quietschfidelen Unfug trieb und die Reihe zu einer Abhandlung über die conditio humana, gemacht: „Batman begins“ (2005) und „The Dark Knight“ (2008) waren epische Moraldramen, in denen es um existenzielle Themen wie Schuld und Sühne, Recht und Unrecht ging. Nolan stellte seinen zutiefst gespaltenen und hadernden Helden Batman (Christian Bale) dabei nonstop an ethische Kreuzwege, an denen seine Entscheidung für einen Pfad immer drastische Folgen für ihn und seine Mitmenschen hatte.

„The Dark Knight Rises“ gerät zur filmischen Erweckungsbewegung

Der Abschluss der Trilogie führt das zivilisationskritische Motiv der Batman-Antagonisten Ra’s al Ghul und Joker fort, nach dem nur aus den Trümmern der dekadenten Welt – symbolisiert im Großstadtmoloch Gotham City, unschwer zu erkennen als New York – etwas Gutes entstehen kann. Die Menschheit muss untergehen, um noch einmal neu zu beginnen. Da bei Nolan auch das Individuum, Batman, sein halber Sidekick Selina Kyle alias Catwoman (Anne Hathaway) und selbst sein neuer Gegner Bane (Tom Hardy) und dessen anonyme Partnerin danach streben, sich aus den Trümmern des Ich, aus ihrem zerstörten Selbst zu erheben und noch einmal ganz von vorne anzufangen bzw. dies schon getan haben und es anderen aufzwingen wollen, gerät „The Dark Knight Rises“ – der Titel spiegelt das Erhebungsmotiv wider – zur filmischen Erweckungsbewegung.

Umsturz von unten

Acht Jahre, nachdem der Joker Batmans große Liebe Rachel tötete, Batman die Verantwortung für die Selbstjustizmorde von Staatsanwalt Harvey Dent übernahm und sich zurückzog, füllt eine neue Figur aus dem Reich der Schatten das entstandene Vakuum mit Furcht einflößender Körperlichkeit und grenzenloser Brutalität aus: Terrorist Bane will das sich in Friedenszeiten wähnende Gotham City in Schutt und Asche legen, indem er die meisten Polizisten der Stadt unter der Erde einschließt, alle Brücken zum Festland sprengt und den Mittellosen und Entrechteten die Macht überträgt – mit ihm als Herrscher, der einen zur Neutronenbombe umfunktionierten Fusionsreaktor in den Häuserschluchten versteckt hält, der explodiert, sobald jemand versucht, das Eiland zu verlassen. Behandelte „The Dark Knight“ die Frage, wie weit man beim Kampf gegen den Terror gehen darf – Bis an die Grenzen der Legalität? Darüber hinaus? Wenn ja, wie weit? Und wann wird man selber zum Bösen, wenn man das Böse vernichten will? –, wendet sich Nolan nun dem verderbten Finanzmarktkapitalismus und seinen Profiteuren zu. Banes Armee und die 99 Prozent der eingepferchten Bürger Gothams vollführen den Umsturz von unten, fallen über das eine Prozent der maßlos Besitzenden her und vertreiben sie aus ihren herrschaftlichen Häusern. Während Selena/Cat Woman, die immer schon von den Reichen stahl, diese siegreiche, wenn auch instrumentalisierte Occupybewegung verkörpert und Batman sich nach dem verlorenen Zweikampf mit Bane in einem fernen, mystischen Gefängnis mit zerschmettertem Körper und geschundener Seele den Tod wünscht – oder auferstehen muss …

Menschliche Dilemmas und Abgründe

Börse, Investmentbanker, Protestbewegungen, Konsumkritik, digitale Datenspeicherung, erneuerbare Energien, die Verantwortung jedes Einzelnen für alle Anderen: Ächzte Nolans letzter „Batman“-Film schon unter der Last seiner gesellschaftskritischen Themen, so drängt der intellektuelle und ideologische Überbau andere Aspekte des Filmemachens im mit 165 Minuten zu langen „The Dark Knight rises“ fast ganz an den Rand. Die zahlreichen Hauptfiguren – neben Batman, Catwoman und Bane auch noch Butler Alfred, Waynes Geschäftsführer Lucius Fox, Commissioner Gordon, Polizeirookie Blake und Waynes Angestelle und Geliebte Miranda Tate – sind unterentwickelt und oberflächlich, an sie und ihr Schicksal ist keine emotionale Bindung möglich. Zudem scheinen die Schauspieler in den vielen kaum ausgereizten dramatischen und bedeutsamen Szenen, durch die Nolan sie aufgrund der Stoffmenge hetzt, verunsichert, und so haspeln sie runter, was mit Sorgfalt ausgespielt werden müsste. Menschen, so ahnt man, gilt nicht das wahre Interesse Nolans. Es sind ihre menschlichen Dilemmas und Abgründe, die ihn faszinieren.

Die Moderne kämpft gegen die Anarchie

Dabei folgt Handlungsort auf Handlungsort, düstere Kanalisation auf glitzernden Büroturm auf menschenleere Straßenflucht auf staubigen Wüstenkerker auf nächtliche Metropole, dazwischen gibt es einige recht uninspirierte Kampf- und Actionszenen, die durch die Jugendfreigabe, die der circa 250 Millionen Dollar teure Film für maximalen finanziellen Erfolg braucht, jede Wucht verlieren. Die Moderne kämpft gegen die Anarchie um ihren Fortbestand – aber sie blutet dabei nicht. Das Ende ist vergleichsweise optimistisch und verweist auf Fortsetzungen, die Nolan (bisher) offiziell nicht drehen will. Denn, und auch das ist ein Charakteristikum des Regisseurs: Er hat ein ambivalentes Verhältnis zu Helden. Man braucht sie nicht, denn jeder, der einem kleinen, frierenden Kind eine Decke umlegt, ist einer. Und doch – um das personifizierte Böse aufzuhalten, stamme es von der Wall Street oder aus irgendeinem Loch in einem entlegenen Winkel der Erde, braucht es einen besonderen Krieger. Er muss sich nur erheben. (vs)

The Dark Knight Rises (Poster)