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The Banshees of Inisherin (2022)

The Banshees of Inisherin (2022) (Poster)

Trailer

Bewertung

„Muss man sehen“ kulturmovies

Filminhalt

Auf einem irischen Eiland spielt Regisseur Martin McDonagh in „The Banshees of Inisherin“ auf der ganz großen Klaviatur – und komponiert ein filmisches Meisterstück.

Auf der irischen Insel Inisherin gibt es im Jahr 1923 nicht viel zu tun: Pádraic (Colin Farrell) führt die Kühe auf die Weide und spielt mit seinem Zwergesel. Sein bester Freund Colm (Brendan Gleeson) fiedelt auf der Geige und geht mit seinem Hund spazieren. Pádraics Schwester Siobhán (Kerry Condon) wäscht, kocht und liest viele Bücher. Der Dorftrottel Dominic (Barry Keoghan) plappert alle voll, sein Vater, der Inselpolizist quält Pádraic und Dominic und masturbiert. Jeder hat seinen eigenen Weg, mit der Einsamkeit, Verzweiflung und der inneren Ödnis umzugehen. Auf dem Festland ist irischer Bürgerkrieg, ab und zu schallen Explosionen und Schüsse herüber, die akustische Untermalung eines ebenfalls eskalierten Konflikts. Denn Pádraic wird schon bald um den einzigen Höhepunkt des Tages gebracht: den täglichen Pubbesuch mit Colm um 14 Uhr. Colm will auf einmal nicht mehr, er will gar nicht mehr mit Pádraic. „Ich mag dich einfach nicht mehr“, sagt er und bittet seinen Kumpel, ihn fortan in Ruhe zu lassen und nicht mehr zu belästigen. Colm ist etwas älter, er will die verbleibenden Jahre nutzen, um nachzudenken und zu komponieren und der Nachwelt Kunst zu hinterlassen. Über Eselkacke zu schwatzen mit dem netten Pádraic, reicht ihm nicht mehr. „Weißt du, an wen aus dem 17. Jahrhundert man sich erinnert, weil er so nett war?“, fragt er Pádraic. „An absolut niemanden.“ Doch an die Musik der Zeit, an einen Künstler wie Mozart und seine Werke zum Beispiel erinnert man sich auch noch 200 Jahre später.

Pádraic kennt keinen Mozart und versteht Colm nicht, glaubt erst an einen Aprilscherz, wird dann zunehmend ratloser, lässt Colm aber nicht in Ruhe. Bis der, auf der kleinen Insel unfähig, Pádraic aus dem Weg zu gehen, eine drastische Warnung ausstößt: Wenn Pádraic Colms Bitte nicht respektiert, wird er sich mit einer Schere die Finger abschneiden. Einen nach dem anderen, so lange, bis Pádraic von ihm ablässt …

Der Regisseur, Drehbuchautor und Dramatiker Martin McDonagh hat den Film The Banshees of Inisherin gedreht. Er ist ein begnadeter Mann, wenn es darauf ankommt, die große Themen des Lebens in tragikomische Geschichten zu fassen, in denen der Weg zur Katharsis und zum Neuanfang als Mensch immer über die Straße der Gewalt und der Eruption führt. Das hat der zweifache Oscarpreisträger für das beste Originaldrehbuch schon mit seinen Meisterwerken „Brügge sehen … und sterben“ (2008, ebenfalls mit Colin Farrell und Brendan Gleeson) und „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“ (2019, Oscars auch für Frances McDormand und Sam Rockwell) bewiesen. Bei keinem gegenwärtigen Filmemacher sind die Schmerzensschreie des Lebens so sehr mit Glucksern des Lachens vermengt wie bei dem 52-jährigen Iren.

Was macht das Leben lebenswert und sinnvoll? Muss es bedeutend sein, oder kann es auch banal sein? Was ist gute Kunst? Muss man dafür leiden, und wenn ja, wie sehr? Sind Männer zur Selbstzerstörung bestimmt, und wie entkommt man als Frau dieser toxischen Männlichkeit? Gravitätisch schwebt die Kamera über die archaische, typisch irische und kleingliedrige Landschaft mit Steinwällen, durch die Pádraic, Colm, Siobhán und Dominic stapfen, während sie versuchen, diese Fragen zu beantworten oder vor ihnen davonzulaufen. McDonaghs Vater stammt aus der irischen Provinz Galway, mit mehreren Insel wie dem fiktiven Inisherin vor der Haustür: den Aran-Inseln, die unter Überalterung, Bevölkerungsschwund und zivilisatorischer Rückständigkeit leiden. Die Insel Inishmore erhielt erst 1975 elektrischen Strom. Kein Wunder, dass die hier Festsitzenden sich tagtäglich des Wahnsinns der Isolation erwehren müssen, denn wer wartet schon drüben auf dem Festland auf tumbe Bauern vom Eiland? Siobhán packt irgendwann ihre Koffer, Pádraic und Colm hingegen müssen ihre Fehde bis zum bitteren (und doch auch urkomischen) Ende ausfechten. Denn die Dorfgreisin in der Rolle einer Todesfee (ein „banshee“ aus der keltischen Mythologie) sagt voraus, dass der Tod auf die Insel kommen wird …

„The Banshees of Inisherin“ mahnt Mäßigung und Versöhnung an und zeigt parabelhaft im Kleinen auf, wie auch heutige Konflikte im Internet, der Politik oder der Gesellschaft aus dem Ruder laufen. Der Stoff ist eigentlich ein Theaterstück aus McDonaghs „Aran-Islands-Trilogie“, das der Autor nie publiziert hat, weil er es für nicht gut genug hielt. Was für ein Glück für uns, dass er es nun doch verarbeitet hat! Als Film ist es ein Stück Kino in Perfektion und ein früher Höhepunkt des Kinojahres: Die fantastischen Dialoge und die poetischen Bilder, der stringente Erzählrhythmus und die effektiven Schnitte, die wunderbaren Schauspieler und Schauspielerinnen gehen eine kinematografische Symbiose ein; alles ergibt sich folgerichtig aus dem Vorhergehenden und Begleitenden, nichts davon könnte anders oder gar besser sein.

Martin McDonagh ist ein Filmkünstler, der für die meisten noch zu entdecken ist. Dieses kleine existenzialistisch-erheiternde Wunder aus der irischen Provinz sollten alle unbedingt wahrnehmen, die nach Jahren der pandemiebedingten Zurückhaltung und des Ausweichens aufs Streaming mal wieder die schmerzlich bis schmerzlich-schöne Magie des Kinos erleben wollen.

  • The Banshees of Inisherin (2022) (Filmbild 3)
  • The Banshees of Inisherin (2022) (Filmbild 4)
  • The Banshees of Inisherin (2022) (Filmbild 5)
  • The Banshees of Inisherin (2022) (Filmbild 2)

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