Parallele Mütter

„Muss man sehen“ kulturmovies

Parallele Mütter | Kritik

Wenn es wirklich noch eines Beweises bedurfte, was für ein begnadeter Filmemacher Pedro Almodóvar ist: Parallele Mütter liefert diesen Beweis. Wie der spanische Regisseur hier weibliches Empowerment, erzählerische Wendungen, die jeden raffinierten Thriller übertreffen, und die Pflege historischer Wunden eines Landes vereint – das ist nichts anderes als eine Sensation. Und dabei dachte man schon bei Almodóvars letztem Film, dem sehr autobiografischen „Leid und Herrlichkeit“ über einen von körperlichen Schmerzen und kreativer Blockade geplagten Regisseur: Ist das ein Abgesang auf sich selber? Pustekuchen – Almodóvar ist mit 72 so frisch und fokussiert wie auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Höchstens weniger schrill.

Fotografin Janis (Penélope Cruz) kann aufatmen: Die sterblichen Überreste ihres während des Spanischen Bürgerkriegs von faschistischen Franco-Anhängern ermordeten Urgroßvaters wurden gefunden. Eine Umbettung an die Seite der Urgroßmutter ist nun endlich möglich, die offene Wunde kann endlich heilen. Der forensische Anthropologe Arturo (Israel Elejalde) leitet die Ausgrabung, er und Janis beginnen eine Affäre. Ein paar Monate später ist Janis schwanger, der verheiratete Arturo aber will nichts davon wissen und zweifelt seine Vaterschaft an. Janis, nicht umsonst von ihren Hippieeltern nach der Freiheitsikone Janis Joplin benannt, will das Kind ganz zuversichtlich alleine großziehen – und lernt vor der Entbindung im Krankenhaus die junge Ana (Milena Smit) kennen. Ana ist nicht so zuversichtlich, was ihre Mutterschaft angeht, wir erfahren später den sehr ernsten Grund dafür. Janis und Ana wollen in Kontakt bleiben, was dazu führt, dass Janis in ein moralisches Dilemma gerät – und eine furchtbare Lüge gegenüber Ana lebt …

Ja … und ab hier darf man über den Fortgang der Handlung von Parallele Mütter eigentlich nichts mehr verraten, um die Qualitäten dieser Mischung aus Melodram, Drama, Liebesfilm und historischer Aufarbeitung nicht zu mindern. Denn der Spanier führt seine Geschichte keinesfalls in die durchaus zu erwartende #MeToo-Richtung „Zwei unabhängige, von toxischen Männern verlassene Frauen schließen einen weiblichen Bund“. Natürlich gibt es Zusammenschlüsse, aber ganz anders als gedacht. Almodóvar führt seine beiden Protagonistinnen weit über die Opferrolle hinaus; vor allem Janis wird immer mehr zur Täterin – Almodóvars erzählerische Twists sind dabei genau wie seine in Rot, Gelb, Grün und Blau gehaltenen Innenräume nah an der Seifenoper. Sie sind jedoch so präzise gesetzt, narrativ legitimiert, ohne jede Scheu vor drastischer Tragik und kommen so fulminant aus dem Nichts – da drückt es einen vor Begeisterung in den Kinosessel, und gleichzeitig schiebt es einen vor Spannung an den Rand des Sitzes. Es ist beeindruckend, wie virtuos dieser Film auf der Klaviatur der Kinokunst spielt.

Und es ist faszinierend zu sehen, wie Almodóvar es gelingt, einen Film mit 85 Prozent weiblichen Figuren zu machen, der zu keinem Zeitpunkt ideologisch oder exkludierend wirkt. Männer haben hier keinen Platz, weil sie ihren Platz nicht wollen – was nicht heißt, dass sie allesamt Schufte sind. Almodóvars Frauen kamen schon immer gut ohne Kerle aus – was nicht bedeutet, sie wollen keine an ihrer Seite haben. Janis, von Almodóvars Muse Penélope Cruz glänzend und vielschichtig verkörpert, ist Opfer und Täterin zugleich, während Ana, von Milena Smit verletzlich und unschuldig gespielt, spät einen Weg findet, in der Beziehung zur älteren Janis die Machtposition zu erlangen. Die weiteren Frauenfiguren in Parallele Mütter sind ebenfalls komplex: Die kinderlose Auftraggeberin von Janis (Almodóvar-Größe Rossy de Palma) hat mehr Mutterinstinkt als Janis, und Anas Mutter Teresa ist meist abwesend, weil sie lieber die späte Karriere als Schauspielerin auskostet – das blieb ihr als junge Mutter und Ehefrau verwehrt. Almodóvar versteht die Crux von Theater- und Filmleuten, die ständig zwischen Selbstverwirklichung und Familienglück entscheiden müssen.

Parallele Mütter ist neben Jane Campions „The Power of the Dog“ einer der Filme des Jahres. Und man möchte, dass Pedro Almodóvar ewig weiter Filme dreht. Da dies leider nicht so sein wird, genießen wir seine Werke, solange wir können – es wird nämlich nichts Vergleichbares nach ihm geben.

Volker Sievert

Parallele Mütter | Fotos

Parallele Mütter | Besetzung

Parallele Mütter (Poster)

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