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Licorice Pizza

„Muss man sehen“ kulturmovies

Licorice Pizza | Trailer

Licorice Pizza | Kritik

Paul Thomas Andersons toller neuer Film „Licorice Pizza“ zelebriert die 70er und die Nervigkeit der Liebe. Und er bringt ein bekanntes Gesicht zurück aus dem Grab.

Kaum ein Regisseur arbeitet die eruptive, explosive, ja, gewalttätige Natur der Liebe so heraus wie Paul Thomas Anderson, der Schöpfer von modernen, Oscar-prämierten Meisterwerken wie „Magnolia“ (1998), „There will be Blood“ (2012) oder dem eruptiven, explosiven, ja, gewalttätigen Liebesfilm „Punch-Drunk Love“ von 2002. An diese leidenschaftlich-labile Lovestory schließt Andersons neuer Film „Licorice Pizza“ vom Stil her an – und während in „Punch-Drunk Love“ Andersons Lieblingsschauspieler, der viel zu früh verstorbene, bei Andersons immer besonders eruptiv, explosiv, ja, gewalttätig aufspielende Philip Seymour Hoffman nur einen kleinen Part hatte, besetzte Anderson nun einfach Hoffmans bisher schauspielunerfahrenen, gerade 18 Jahre alten Sohn Cooper in der Hauptrolle. Nicht die einzige ungewöhnliche Castingwahl, doch dazu später mehr. Fangen wir erstmal mit dem Film an: und Action!

Licorice Pizza: Selbstbewusst trifft skeptisch

Der 15-jährige Gary Valentine (Hoffman Junior), ausgestattet mit dem Selbstbewusstsein eines „Sexiest Man alive“ und der Hartnäckigkeit des Schuhputzers, der zum Millionär wird, trifft auf die zehn Jahre ältere Alana Kane (Musikerin Alana Haim), ausgestattet mit der Biestigkeit von Xanthippe und der Zielstrebigkeit eines umhersausenden Luftballons. Auf dem Weg zu seinem Jahrgangsfoto bequatscht Gary die Assistentin des Fotografen zu einem Treffen. Später erzählt er seinem jüngeren Bruder, dass er die Frau getroffen habe, die er heiraten werde. Alana hält das für Bullshit, kommt aber dennoch in Garys Stammrestaurant, ist immer hingerissener vom romantisch-angeberischen Nonstopgerede des jungen Mannes. Alana, der die Schwester sagt: „Versuch doch mal, nicht mit jedem Streit anzufangen“, Alana, die erwidert: „Ach, fick dich doch!“ und davonstürmt, in ihr Zimmer im elterlichen Haus, in dem sie mit 25 immer noch lebt, ohne Partner, ohne Karriereaussichten, ohne Plan. Aber jetzt mit Gary in ihrem Leben, der die Welt aus den Angeln heben will. Gary, der in der PR-Firma seiner Mutter arbeitet, Kinderstar in einer TV-Show war, vernetzt ist wie eine Showgröße, ein Entrepreneur aus dem Buche, der jede Businessgelegenheit nutzt, ob er einen Laden für Wasserbetten aufmacht oder eine Flipper-Halle.

Licorice Pizza: Gegensätzliche und gleiche Pole

Zusammen und doch getrennt und doch immer mehr ein Paar suchen Gary und Alana ihren Weg durch dieses seltsame Zeit Anfang der 1970er-Jahre im San Fernando Valley, mit Ölkrise, Vietnam, Kapitalismus. Sie treffen dabei auf Hollywood-Männlichkeit, die man heute als toxisch bezeichnen würde, auf heimlich schwule Politiker und immer wieder neue Gelegenheiten in einem rastlosen Dasein.

Neben dem mit mehr Körperlichkeit aber auch mehr Sanftheit als sein Vater agierenden Cooper Hoffman spielt auch die Musikerin Alana Haim aus der Schwesternband Haim ihre erste Filmrolle – und auch sie kann das stockende, dann vorwärts preschende, dann schwindelerregende, dann mäandernde Tempo dieses Films problemlos mitgehen. Die beiden Leinwandnovizen sind in ihren Rollen zwei gegensätzliche und gleichzeitig gleiche Pol: Sie stoßen sich ab und ziehen sich an, eruptiv, explosiv, gewalttätig. Und auch, wenn Gary Alana jederzeit küssen würde, so entzieht er sich ihr auch immer wieder, um ein neues Projekt anzuschieben, während sie Spaß daran hat, ihn eifersüchtig zu machen, zum Beispiel mit einem Kino-Altstar (Sean Penn). „Licorice Pizza“ taucht tief ein in die amerikanischen 70er, suhlt sich in Sonnenlicht, aalt sich in Abenteuern in warmen kalifornischen Nächten, mit Barbra Streisands irrem Freund und einem LKW ohne Benzin – und erweckt die Liebesgeschichte zwischen dem skepsisfreien Teenie und dem hadernden Twen mit jedem der vielen Kapitel neu, die stets mit einem wunderbaren Popsong von Bowie, Wings, Blood Sweat & Tears, Sony and Cher oder Donovan beginnen (siehe unsere Soundtrack-Rezension auf dieser Seite).

„Licorice Pizza“, benannt nach einer früheren Plattenladen-Kette in Südkalifornien, ist fiktionalisierte Hollywoodhistorie, zeitgeschichtliches Panoptikum, Coming-of-Age-Komödie, biografische Anekdotensammlung aus dem Leben von Anderson-Freund Gary Goetzman, einem Kinderstar und Filmproduzenten. Vor allem aber ist es ein Film darüber, dass die Liebe abseits klischierter Vorstellungen ungemein anstrengend, nervig und aufdringlich sein kann. Und umso schöner.

Volker Sievert

Licorice Pizza | Fotos

  • Licorice Pizza (Filmbild 4)
  • Licorice Pizza (Filmbild 2)
  • Licorice Pizza (Filmbild 3)
  • Licorice Pizza (Filmbild 5)

Licorice Pizza | Besetzung

Licorice Pizza (Poster)