Königin

„Muss man sehen“ kulturmovies

Kleinfamilienidylle: Anne und Peter haben zwei Töchter, eine Villa auf dem Land und beruflichen Erfolg, er als Arzt, sie als Anwältin mit Spezialgebiet Jugendstrafrecht, bei dem sie regelmäßig mit Missbrauch und sexuellen Übergriffen zu tun hat. Als Gustav, Peters 16-jähriger Sohn aus erster Ehe, bei ihnen einzieht, gerät das liebevolle, aber ein wenig langweilige Gleichgewicht ins Wanken: Gustav ist schwer zugänglich und impulsiv, aber nach ersten Schwierigkeiten scheint sich die Familie mit der neuen Situation zurechtzufinden. Bis Anne eine Grenze überschreitet und ein Verhältnis mit ihrem Stiefsohn beginnt … Die erste Hälfte von May el-Thoukis „Königin“ ist gepflegte Programmkinokonvention: das sensibel und ruhig erzählte Porträt eines Paares auf Augenhöhe, das gar nicht mal so unvermittelt in die Beschreibung einer Amour Fou kippt, gefilmt in klugen Bildern mit langsamen Kamerazooms, die sich aus der Enge des Hauses in die die Zivilisation umgebende Wildnis träumen.

Die verlogene Idylle der Kleinfamilie

Dann folgt ein Bruch: Anne, als Ehefrau, die sich mehr vom Liebesleben erhofft als freundliche Zärtlichkeit, beendet die zum Scheitern verurteilte Beziehung. Als Gustav sich nicht damit abfinden möchte, macht sie ihn unglaubwürdig, ausreichend Lebenserfahrung und juristisches Wissen hat sie. „Du bist so leicht zu manipulieren!“, verhöhnt sie ihren Mann, als der Gustavs Vorwürfen kurzzeitig glauben möchte. Ein harter, ein unbehaglicher Film, der auch das Publikum zu manipulieren weiß: Wenn man noch glaubt, Erotikkinokonvention zu sehen, ist May el-Thouki schon ein, zwei Wendungen weiter, in einer klugen Studie über Sexualität und Macht. Und über die verlogene Idylle der Kleinfamilie. fis

Königin (Poster)