Systemsprenger: Deutscher Oscar-Beitrag startet

Was mit „Systemsprenger“, einem Begriff aus dem Jugendamt-Jargon, gemeint sein könnte, das wird gleich zu Anfang des gleichnamigen Films von Nora Fingscheidt deutlich: Die neunjährige Benni wird von Mitschüler*innen provoziert und provoziert zurück – oder war es andersrum? –, und plötzlich ist die Eskalation nicht mehr aufzuhalten. Benni brüllt, spuckt und schlägt um sich, bis sie auch von dieser Schule fliegt. Benni, sensationell natürlich und energiegeladen verkörpert von der jungen Helena Zengel, fällt durch jedes Raster, und ganz gleich, ob Sonderschule, Wohnheim oder die Unterkunft in einer Pflegefamilie: Nirgends kann sich Benni eingliedern, dabei will sie eigentlich nur nach Hause zu ihrer Mutter. 

Dafür erwarten sie stets Konsequenzen, auf die sie wiederum mit Abwehr und Gewalt reagiert – ein Teufelskreis. Natürlich leidet man mit Benni und verzweifelt angesichts der scheinbaren Ausweglosigkeit ihrer Situation. Doch weder verurteilt Fingscheidt das Mädchen noch fordert sie grenzenlose Sympathie für ihre Protagonistin ein. Sie lässt zu, dass wir genervt und überfordert sind, und die konkreten Erlebnisse, die zu Bennis Verhalten geführt haben, deuten sich nur in beiläufigen Sätzen der Erzieher*innen an. Selbst dann, als der Film die reine Zustandsbeschreibung verlässt und mit dem Anti-Gewalttrainer Micha eine Person auf der Bildfläche erscheint, der sich Benni kurzzeitig annähert, verwahrt sich der Film gegen einfache Lösungsansätze. Sogar die gefälligeren Momente tun hier weh, weil es immer nur eine Frage der Zeit ist, bis wir wieder laut und abrupt mit der Realität konfrontiert werden.

Fingscheidt sucht die Lücken im System – doch sie schreibt uns nicht vor, wo wir sie zu erkennen haben. Somit geht es in „Systemsprenger“ zwar um ein pädagogisches Fallbeispiel – doch ist er das Gegenteil eines pädagogischen Films. msb

„Systemsprenger“ kommt am 19. September ins Kino.

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