Irreversibel

„Muss man sehen“ kulturmovies

In Cannes war Noés Drama ein Skandal: Ist es übelste Pornografie oder bizarres Kunstverständnis, wenn sich neun quälende Minuten lang eine brutale Vergewaltigung in die Netzhaut fräst? Bei näherer Betrachtung erschließt sich eine feministische Lesart. Indem Noé die Chronologie des Geschehens à la „Memento“ umdreht, steht plötzlich nicht die sexuelle Gewalt gegen Alex (grandios: Bellucci), sondern der anschließende Rache-Amok ihres Freundes Marcus (Cassel) im Mittelpunkt. Während ihre Stärke auch im Angesicht des Peinigers ungebrochen bleibt, taumelt Marcus von animalischer Wut getrieben durch die Nacht, entlädt seine Ohnmacht in Aggression. Die ist weder männlich noch sexy, nur tumb. Die ruhelose Kamera folgt ihm durch enge Gassen bis in einen S/M-Club, dessen höllisch rotes Interieur seiner Gefühlswelt gleicht. Perfide: die raffinierte Struktur macht aus der finalen Liebessequenz kein Happy End, sondern den Auftakt des Grauens. Zeit– so eine Aussage des Films – zerstört alles. (silu)

Irreversibel (Poster)