House of Gucci

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House of Gucci | Kritik

Irgendwo tief im Zentrum von Ridley Scotts House of Gucci liegt ein fesselnder Film versteckt, begraben unter zweieinhalb Stunden voller teurer Kostüme, wechselnder Schauplätze und wild gestikulierender Figuren. Wer sich eine wahre Geschichte vornimmt wie den Fall der italienischen Modedynastie, hat grundsätzlich zwei Optionen: Er kann sich an die Fakten halten und die skandalträchtige Handlung die Arbeit machen lassen. Oder sich auf die Absurdität der Situation stürzen und aus historischen Begebenheiten eine Farce machen. Scott und seine beiden Drehbuchautor:innen Becky Johnston und Roberto Bentivegna aber können sich nicht so recht entscheiden – und landen irgendwo in der laschen Grauzone dazwischen.

Aber der Reihe nach: Am Anfang von House of Gucci ist es 1970, und in Mailand trifft die junge Patrizia Reggiani (Lady Gaga) auf Maurizio Gucci (Adam Driver), den Erben der lukrativen Modefirma. Obwohl sein Vater Rodolfo (Jeremy Irons) Bedenken hat, heiratet Maurizio die vergleichsweise mittellose Patrizia, die ihn ihrerseits überzeugt, eine größere Rolle im Familienunternehmen anzustreben. Maurizio lässt sich vom Ehrgeiz seiner Frau anstecken, doch mit zunehmendem Erfolg werden auch die Spannungen größer. 1995, ein Jahr, nachdem er sich von Patrizia hat scheiden lassen, wird Maurizio auf offener Straße erschossen. Es dauert nicht lange, und der stümperhafte Mord ist aufgeklärt – Patrizia landet im Knast.

Die größte Stärke des Films sind mit Abstand die Darsteller:innen: Lady Gaga spielt die junge, idealistische Patrizia genauso überzeugend wie die tief gekränkte Geschiedene, Adam Driver ist ein wunderbar verstockter Maurizio, und Al Pacino darf als Gucci-Onkel Aldo nach dem Uncanny-Valley-Ausflug „The Irishman“ wieder einen alten Mann spielen. Doch Scotts mäandernder Ton erstreckt sich sogar auf den Cast: Während Jeremy Irons seine Rolle bitterernst nimmt, ist Jared Leto – als Aldos Sohn Paolo unter Lagen von Make-up kaum zu erkennen – als einziger überzeugt, in einer Groteske mitzuspielen. Zumeist aber ist „House of Gucci“ erstaunlich brav; allzu oft wählt Scott den offensichtlichsten Weg, was sich etwa im Soundtrack niederschlägt. Wie viele Filme haben die ersten Takte von „It’s the most wonderful Time of the Year“ angespielt, um zu zeigen, dass die nächste Szene an Weihnachten spielt?

Wenn der Regisseur dann doch mal eine Entscheidung trifft, ist es nicht immer die richtige. Wessen Idee war es, alle Figuren mit mehr oder minder überzeugenden italienischen Akzenten auszustatten, obwohl sie eigentlich gerade in ihrer Muttersprache reden sollen? Da war Armando Iannuccis „The Death of Stalin“ 2017 schon weiter – auch, was den emanzipierten Umgang mit einer historischen Vorlage angeht. mj

House of Gucci | Fotos

House of Gucci | Besetzung

House of Gucci (Poster)

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