Gnade

„Sollte man sehen“ kulturmovies

Der Hamburger Regisseur interessiert sich mit fast obsessiver Hartnäckigkeit für die ganz großen Themen: Schuld, Sühne, Vergebung. Ein Vergewaltigerdrama wie „Der freie Wille“ oder die Pädophilengeschichte „This is Love“ wagten den Blick auf die Seite der Schuldigen, der Täter, die ihre (niederen) Triebe nicht zügeln können. Das ist Glasners roter Faden, diesen Menschen bringt er Verständnis entgegen. In „Gnade“ ist er milder, die Tat zufälliger, die Täter schwächer. Dafür geht Glasner bis an den Rand der europäischen Zivilisation. Das Ehepaar Niels (Vogel) und Maria (Minichmayr) versucht in der Eiswüste der nordnorwegischen Stadt Hammerfest einen Neuanfang für ihre Beziehung, die so kalt und fremd ist wie das Eismeer, das die Insel Kvaløy umschließt wie ein stahlgrauer Abgrund. Bleich und ausgezehrt sind die Gesichter von Niels und Maria, die zweimonatige Polarnacht und die eisverkrusteten Berge sind ein mehr als deutliches Symbol für ihre Seelenlandschaften. Ingenieur Niels vögelt fremd, Maria kümmert sich um die Sterbenden in einem Krankenhaus. Als sie eines Nachts einen Schlag gegen das Auto spürt, aber weiterfährt und bald etwas von einem angefahrenen und gestorbenen Mädchen in der Zeitung steht, entscheiden sich Maria und Niels aus ganz pragmatischen Gründen, sich nicht zu stellen: Sie sind schon fremd genug hier draußen, käme die Wahrheit raus, wären sie für immer stigmatisiert. Eine Entscheidung, deren Tragweite und Tragik die entfremdeten Partner wieder zusammenschweißt …

„Gnade“ ist ein filmischer Entwicklungsroman

Totschlag als Beziehungskitt: Bei Glasner ist die Liebe schon so kaputt und tot, dass nur ein schreckliches Ereignis sie wachrütteln kann und für neue Nähe und Intimität sorgt. Wenn man nichts mehr gemeinsam hat, fesselt einen zumindest das gemeinsame Geheimnis aneinander. „Gnade“ ist weit davon entfernt, ein perfekter Film zu sein: Die Gründe für die Ehekrise erfährt man nie, das macht manches Verhalten von Maria und Niels unverständlich. Auch fremdelt der Film ein wenig mit dem Drehbuch des Dänen Kim Aakeson, die Dialoge sind oft gekünstelt, die Figuren wirken zu gefasst (Maria) oder zu sprachlos und passiv (Niels), der gemeinsame Sohn hat weder in der Ehe noch im Film so recht seinen Platz. Doch darüber hinaus beweist Glasner erneut, dass er der mutigste Filmemacher des Landes ist. Keiner exponiert sich so regelmäßig mit dem Hang zum übergroßen Thema, eingefangen im großen Bild, keiner dringt dabei so weit zum Kern der menschlichen Natur vor. Glasners Moral ist diese: Gnade erfährt man nicht, indem man seine Schuld anerkennt und beichtet. Aber die Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen ist die Voraussetzung, die Grundlage, um überhaupt Teil einer Gemeinschaft zu sein. In diesem Sinne ist „Gnade“ auch ein filmischer Entwicklungsroman. Ein ganz schön dunkler – an dessen Ende es doch wieder hell wird. (vs)

Prädikat besonders wertvoll

Gnade (Poster)