Fleisch ist mein Gemüse

„Muss man sehen“ kulturmovies

Saufen, ficken, kotzen: Wie war das im Mittelteil? Heinz Strunk (rührend gespielt von Maxim Mehmet) weiß es Mitte der 80er noch immer nicht, obwohl er die 20 schon lange überschritten hat. Statt dessen reibt er sich auf zwischen seiner Liebe zur psychisch kranken Mutter (intensiv: Susanne Lothar) und dem Wunsch zur Karriere als Hitproduzent. Schließlich wird der Saxofonist und Flötist von der Tanzkapelle Tiffanys engagiert und heizt der Dorfbevölkerung zwischen Harburg und der Lüneburger Heide ein, ob nun zu Faschingstanz, Schützenfest oder Dorfhochzeit. Regisseur Christian Görlitz hält dieses Grauen vom Lande fest, indem er die Kamera an die vorderste Front schickt und dahin geht, wo es weh tut. Die Musik ist gotterbärmlich schlecht und plärrt aus allen Kinolautsprechern – warum nur faszinieren diese gefühlten zehn Stunden Landparty so? Weil die Kamera immer wieder zur Bühne schwenkt, wo die Miene von Heinz Strunk so sehr zwischen Verzweiflung und Verzweiflung pendelt, dass man 100 Minuten lang mitleidet – und gleichzeitig voyeuristisch-feixend hingucken muss. Görlitz hat Strunks Roman über dessen eigene Jugend leicht verändert und vor allem gegen Ende etwas hinzugefügt, was hier nicht verraten sein soll. Die Botschaft des Buches aber ließ er unangetastet: Südlich der Elbe mag das Grauen beginnen – doch auch im Angesicht des Grauens lässt es sich in Würde leben. (jw)

Fleisch ist mein Gemüse (Poster)