Fabian oder Der Gang vor die Hunde

„Sollte man sehen“ kulturmovies

Später Sieg für Erich Kästner: Der Schriftsteller durfte seinen Roman „Fabian“ 1931 nur gekürzt veröffentlichen, viele Stellen waren seinem Verlag zu gewagt. Bald darauf wurde auch diese gezähmte Fassung von den Nazis verbrannt – vor den Augen Kästners. 2013 ist endlich die ungekürzte Urfassung des Romans erschienen, aus der Dominik Graf nun einen Film gemacht hat, ebenfalls ungekürzt (die Laufzeit beträgt 176 Minuten). Da muss man schon sicher sein, dass uns der 90 Jahre alte Stoff auch heute noch etwas sagen kann.

Graf lässt „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ (ab 5. August im Kino) entsprechend in der Gegenwart beginnen: mit einer langen Kamerafahrt durch eine Berliner U-Bahn-Station ans Tageslicht. Dort sind wir plötzlich in der Vergangenheit und begegnen Jakob Fabian (Tom Schilling), einem kriegsversehrten Akademiker, der ziellos durch die letzten Jahre der Weimarer Republik wandert: Statt an der Universität arbeitet er in einer Werbeagentur, wohnt noch zur Untermiete und besucht nachts Kabaretts und Bordelle. Die zunehmende politische Verrohung sieht er mit Sorge, doch sich zu organisieren wie sein Freund Labude (Albrecht Schuch) liegt im fern. Erst, als er sich in Cornelia (Saskia Rosendahl) verliebt, gewinnt sein Leben an Gehalt. Doch deren Traum, Schauspielerin zu werden, und Fabians Geldprobleme, nachdem er aufgrund der Wirtschaftskrise seinen Job verliert, treiben zunehmend einen Keil zwischen die beiden.

Graf gönnt sich: Das Tempo des Films ist gemütlich, kein Detail wird ausgespart. Gleich zwei verschiedene Stimmen erzählen uns in Kästners Worten, was wir eigentlich schon auf der Leinwand sehen. Doch die Länge ist wider Erwarten eine Stärke des Films: Sie gibt den Figuren Zeit zur Entfaltung und dem Publikum Gelegenheit, die Parallelen zur heutigen Gesellschaft zu finden. Die deutet Graf meist nur an, auch der drohende Schatten der Nazi-Diktatur wird selten explizit sichtbar: etwa wenn der idealistische Labude bei politischen Lesekreis im Park von schemenhaften Gestalten beobachtet wird. Diese Zurückhaltung ist jedoch Programm: Auch Fabian ist ein unpolitischer Mensch, der von den Entwicklungen seiner Zeit heillos überfordert ist. Seine einzige beherzte Handlung führt – typisch Kästner’sche Ironie – zu seinem Untergang. Daher passt Grafs Hang zur Abschweifung zum lapidaren Ton des Romanautors. Obwohl es unmöglich zu beweisen ist: Kästner hätten diese Verfilmung wohl gemocht. mj

Fabian oder Der Gang vor die Hunde (Poster)