Ein ungezähmtes Leben

„Kann man sehen“ kulturmovies

Es gibt zwei Hollywoods: Das eine ist authentisch, das andere schminkt sich Glaubhaftigkeit über. Das eine, nennen wir es das gute Hollywood, repräsentieren Robert Redford und Morgan Freeman, für das andere stehen Jennifer Lopez und Josh Lucas. Lasse Hallström macht den Fehler, zusammenzuführen, was nicht zusammengehört. Der verbitterte Farmbesitzer Einar (Redford) pflegt die körperlichen Wunden seines von einem Bären attackierten Freundes Mitch (Freeman) genauso sorgfältig wie seine eigenen seelischen Verletzungen: Sein Sohn starb bei einem Autounfall, die Schuld gibt Einar seiner Schwiegertochter Jean (Lopez). Die steht eines Tages auf der Flucht vor ihrem brutalen Freund bei Einar vor der Tür und bittet samt Tochter um Asyl. Die große Annährung beginnt … 105 Minuten lang kämpfen das gute und das böse Hollywood um diesen Film – und das Böse siegt. Egal, ob Jennifer Lopez einen Hauch von White Trash und eine Kellnerinnen-Uniform übergestreift bekommt oder Josh Lucas als Sheriff einen vermeintlich verwegenen Klobrillenbart trägt: Beide bleiben Traumfabrik-Schönlinge, die frisch aus dem Maskenmobil kommen.

„Ein ungezähmtes Leben“ voller Postkartenmotive

Fatal ist, dass auch Redford und Freeman in ihren Westernklamotten aussehen wie verkleidet und sich in „Million Dollar Baby 2“ wähnen. So sehr erinnert ihre grummelige Freundschaft an das großartige Zusammenspiel von Freeman und Clint Eastwood. Hier jedoch wiehert alles laut nach Auszeichnungen: tränenrührige Pianofolgen, sobald sich eine Emotion andeutet, Postkartenmotive von Bergketten und sattgrünen Wiesen in Wyoming, unbekömmlich vorhersehbare Handlung in zuckriger „Chocolat“-Soße, die Hallström auch anrührte. Einar und Jean versöhnen sich miteinander, Mitch mit dem Bären, Jean verliebt sich in den Sheriff, und Einar verpasst Jeans Schläger-Freund eine tüchtige Abreibung. So macht man das im Marlboro Country, wo Konflikte, die einen reif für mehrjährige Therapiesitzungen machen, mit der Unkompliziertheit des freien Mannes hoch zu Ross behoben werden – man will ja nicht zu tief in der Psycho-, pardon, Pferdescheiße stehen. So Der Film, der eigentlich nach Stall, morgendlicher Feuchtigkeit und gegerbtem Leder riechen sollte, verströmt den süßlichen Talkumpuderduft eines Schminkraums, kurz bevor die Oscar-Nacht beginnt. (vs)

Ein ungezähmtes Leben (Poster)