Égalité

„Muss man sehen“ kulturmovies

Égalité | Kritik

Attila (Burak Yiğit) ist Familienvater in Berlin. Als er gemeinsam mit seiner Frau Aya (Susana AbdulMajid) die Tochter Leila zu einer ambulanten Mandel-Operation ins Krankenhaus bringt, kommt es zunächst zu leichtern Komplikationen im Verlauf der Operation, dann kann Leila im Aufwachraum nichts mehr sehen: Für Aya und Attila ein Schock. Das Ehepaar fühlt sich vom Personal der Klinik zu Recht schlecht behandelt. Nachdem schon die Nachfragen an der Rezeption als störend zurückgewiesen worden waren, ergehen sich Arzt und Narkosearzt nach der Operation in Gemeinplätzen und weisen jeglichen Kausalzusammenhang zwischen Operation und Erblindung zurück. Während Aya sicher im Leben steht und sich gemeinsam mit ihrem Sohn Nuri liebevoll um Leila kümmert, interpretiert Attila die Erfahrung mit der Klinik als Fremdenfeindlichkeit der Ärzte. Dass er seine sich selbst auferlegte Rolle als verantwortlicher Familienvater nicht erfüllen und die Tochter nicht beschützen konnte, lässt Attila in Selbstmitleid ertrinken; er flieht aus der Familie und plant Dinge, die im schlimmsten Fall nicht wiedergutzumachen sind …
Kida Khodr Ramadan ist der Regisseur von Égalité. Mit seinem zweiten Film hat hat er ein eindringliches Drama geschaffen, das aufgrund mehrerer Verwerfungen entsteht: Égalité heißt Gleichheit und ist eine einfühlsame Kritik am Männerbild, das Attila von sich hat und das er permanent in die Familie trägt und dort für Ungleichheit sorgt. Gleichzeitig zeigt der Film, wie leicht eine Handlung nachvollziehbar als fremdenfeindlich interpretiert werden kann, selbst wenn sie dies nicht ist: das gesellschaftliche Klima legt sich über die einzelne Situation. Ramadan erzählt aber auch eine feinfühlige Geschichte über ein Ehepaar: Wie Aya ihrem Mann das Gedicht „Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen“ des Dichters Orhan Veli Kanik vorsingt und ihn dabei in den Arm nimmt, ist der zärtlichste Moment des Films. Cem Özdemir von den Grünen erzählte in einem Artikel vor Jahren, wie dieses Gedicht bei ihm das im Türkischen Keyif genannte, besondere Wohlbefinden auslöse. Aya will Attila zurückholen – es gelingt ihr nicht ganz. Erst eine andere Wendung muss eintreten, ehe Attila sich selbst hinterfragen und ändern kann. jw

Égalité | Fotos

Égalité | Besetzung

Égalité (Poster)

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