Drei Etagen

„Sollte man sehen“ kulturmovies

Drei Etagen | Kritik

Regisseur Nanni Moretti nimmt in seinem neuen Film Drei Etagen Roms Bürgertum unter die Lupe.

Nachts vor dem Haus: Eine Frau verlässt das Haus und geht auf die Straße. Sie ist hochschwanger und sucht ein Taxi. Als sie die Straße hochgeht, kommt ihr schlingernd und mit hoher Geschwindigkeit ein Auto entgegen. Man atmet schon durch, weil das Auto sie nicht erwischt, da schleudert es am Zebrastreifen eine andere Frau brutal durch die Luft, zerlegt die Frontfassade des Hauses und kommt erst mitten in einem Zimmer zu stehen.

Der Auftakt von Nanni Morettis neuem Film Drei Etagen kommt mit Wucht und hoher Geschwindigkeit, doch es ist wie beim Poolbillard: Viele andere Kugeln werden direkt oder indirekt in Bewegung gesetzt, geraten miteinander in Kollision, oft noch über Bande, und so manche Kugel wird schon mit dem Anstoß versenkt. In Drei Etagen sind es die Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses in Rom, deren Leben durch den Autounfall direkt oder indirekt eine neue Richtung nimmt. Regisseur Nanni Moretti („Habemus Papam“, „Mia Madre“) stellt sie uns alle mit viel Detailgenauigkeit vor und zeigt dabei als immer wiederkehrendes Problem vor allem unterschiedliche Varianten männlicher Verbohrtheit.

Der betrunkene Autofahrer ist Andrea. Er wohnt noch bei seinen Eltern Vittorio und Dora im Haus. Vittorio ist Richter, und so behandelt er seinen Sohn auch. Er verstößt den jungen Mann, der unter der Härte seines Vaters leidet, während die Mutter verzweifelt: Dora muss sich zwischen Ehemann und Sohn entscheiden. In einer anderen Wohnung lebt die Familie um Lucio. Er und seine Frau Sara bringen ihre Tochter Francesca immer zu einem Rentnerpärchen, wenn sie keine Zeit und keine Betreuung haben. Doch dann verdächtigt Lucio den alten Mann der sexuellen Gewalt an seiner siebenjährigen Tochter und zerstört mit dieser krankhaften Obsession seine Ehe. Bei der jungen Monica (die vom Auto verschonte Frau aus der Anfangsszene) ist es die Überforderung in ihrer neuen Rolle als Mutter, die das Leben dominiert. Alle diese Personen fängt die Kamera ein, in ihren Wohnungen, im Treppenhaus oder auf der Straße.

Nanni Moretti zeigt zehn Jahre aus dem Leben dieser Hausgemeinschaft. Menschen sterben, die Hinterlassenen entwickeln sich weiter, aus so manchem tragischen Leben erwächst Hoffnung, andere müssen durch tiefe emotionale Täler gehen. Bewusst wird Vereinzelung als solche gezeigt, und als Dora schließlich – wenn auch sehr spät – nach draußen geht und plötzlich an einem anderen Tisch sitzt und Gemeinschaft erlebt, werden nicht nur nebenbei zum ersten Mal explizit politische Szenen gezeigt; für Dora öffnet sich auch die Tür zu einer ganz anderen Welt. Ähnlich verfährt Film auch mit Andrea, während die junge Mutter Monica ihren ganz eigenen Weg geht.

Drei Etagen könnte als kitschiger Film aus dem bürgerlichen Milieu missverstanden werden. Das ist er aber nicht. Nanni Moretti gelingt es, die Balance zu halten bei der Schilderung unterschiedlicher Lebensverhältnisse und Charaktere. Schmerzhafte Verwerfungen stehen da gleichberechtigt neben Momenten der Glücksdurchdringung. Der Mikrokosmos im Römischen Haus verweist auf die gesellschaftlichen Zustände Italiens.

Jürgen Wittner

Drei Etagen | Fotos

Drei Etagen | Besetzung

Drei Etagen (Poster)

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