Drachenreiter

„Sollte man sehen“ kulturmovies

Erinnern Sie sich noch daran, wie es war, als man Ihnen abends richtig gute Geschichten vorlas? Genüsslich in Fantasiewelten abtauchen kann man auch mit dem deutsch-belgischen Animationsfilm „Drachenreiter“ nach dem Roman von Cornelia Funke. Dieser beginnt mit einer Vorgeschichte von Mythen und Drachen, Sagen und mystischen Reichen, die eine wunderbar rauchige Frauenstimme im „Es war einmal“-Stil erzählt. Dann fliegen auch schon Silberdrache Lung (gesprochen von Videoblogger Julien Bam) und Koboldfreundin Schwefelfell (YouTuberin Dagi Bee) durchs Bild: Der Lebensraum ihrer Artgenossen ist von den Menschen bedroht, ein neues Zuhause wird dringend gesucht. Der paradiesische „Saum des Himmels“ verspricht einen Zufluchtsort am anderen Ende der Welt – auf dem abenteuerlichen Weg dorthin treffen Lung und Schwefelfell auf den Waisenjungen Ben (Popsänger Mike Singer). Gemeinsam müssen die drei sich gegen Drachenfresser Nesselbrand (Rick Kavanian) durchsetzen und allerhand Gefahren meistern. Eine gute Story – klassisch erzählt.

Lässig modern sind die beiläufigen Filmzitate, wenn das Trio kommentarlos am eingefrorenen Eichhörnchen Scrat aus der „Ice Age“-Reihe vorbeigeht oder im Hintergrund ein Kino zu sehen ist, in dem die Premiere zum Filmkonkurrenten „Drachenzähmen leicht gemacht“ stattfindet. Humorvoll ist auch das gelungene Nebeneinander von märchenhafter Drachensaga und Anspielungen auf heutige Kommunikation: Nesselbrand unterbricht den Showdown, als sein Smartphone lautstark auf ein Dating-Match in seiner App aufmerksam macht. Und wie verräterisch der Blick in den Raumhintergrund während eines Videogesprächs sein kann, dürfte den Meisten aus Zoom-Konferenzen im Homeoffice bekannt sein. Zeitgemäß macht den Film zudem, dass er das zunehmende Artensterben thematisiert und wie die Menschen die Natur immer mehr verdrängen. Fantasy für die Generation Greta und ihre jüngeren Geschwister!

Regisseur Tomer Eshed, in Tel Aviv geboren, in Berlin zu Hause, wählt für die schützenswerten Welten von Lung und Schwefelfell eine ausgesprochen bildstarke Ästhetik. Was für ein brillanter Animationskünstler er technisch und erzählerisch ist, hat der 43-Jährige bereits mit der Kurzfilmreihe „Our wonderful Nature“ (2008–2017) bewiesen – darin gab er die Natur absolut fotorealistisch wieder und erzählte seine kleinen Geschichten mit liebevoll-trockenem Humor (kann man bei YouTube finden). In „Drachenreiter“ macht Eshed nun dort weiter und die Weltreise der Helden zur ausführlichen Landschaftsshow: Obwohl die Figuren comicartig animiert sind, ist Esheds Natur von einem beeindruckenden Realismus in ihrer Licht- und Farbgebung. Vom düsteren Märchenwald samt Gruselschloss über Ruinenstädte in der Wüste bis hin zum ewigen Eis reicht das wechselnde Setting – und erinnert an Adventure Games wie „Tomb Raider“, in denen ähnliche Rätsel mit verlorenen Schlüsseln in alten Tempelanlagen gelöst werden müssen. Seine Spannung hält der Film spielerisch, indem er die Figuren immer wieder vor neue Herausforderungen stellt. Ist eine Hürde überwunden, liegt die nächste, noch schwierigere Aufgabe vor ihnen. Am Ende sind es die zeitlosen Werte, durch die Lung, Schwefelfell und Ben für eine lebenswerte Zukunft sorgen: Selbstvertrauen, Mut und Freundschaft. jb

Drachenreiter (Poster)