Die Jagd

„Muss man sehen“ kulturmovies

Thomas Vinterberg, der mit „Das Fest“ den ultimativen Film darüber gedreht hat, was passiert, wenn durch die Harmonieverschalung bürgerlicher Familien die abstoßende Schlacke der Wahrheit suppt, analysiert auch in „Die Jagd“, wie sich eine Gemeinschaft zersetzt: Lucas (Mikkelsen) hat seine Stelle als Lehrer verloren und arbeitet in einem Kindergarten. Seine Frau lebt getrennt und lehnt sogar Telefonate ab, doch als der Sohn zu ihm ziehen will und sich eine Kollegin in ihn verliebt, sieht Lucas wieder Licht – und dann plötzlich tiefste Finsternis. Denn ein kleines Mädchen aus dem Hort sagt aus enttäuschter kindlicher Liebe, sie hätte Lucas’ Penis gesehen. Der Unschuldige wird entlassen, seine Kumpels, mit denen er archaische männliche Rituale wie Winterbaden, Saufen und Jagen betreibt, wenden sich ab. Lucas wird nun selber gejagt … Vinterberg seziert in ruhigen, nur selten wilden Handkamerabildern und mit großartigen Darstellern wie soziale Ächtung funktioniert und wie hysterisch die moderne Gesellschaft auf das Wort „Pädophilie“ reagiert. Auch, dass vermeintlicher Missbrauch ein Stigma ist, das nie vergeht und eine Dynamik in Gang setzt, die nicht aufzuhalten ist, und dass all das ein kaum lösbares Dilemma ist – auch das ignoriert der Film nicht. Am Ende steht die Initiation von Lucas Sohn: Mit der ersten Jagd wird er vom Jungen zum Mann. Und Lucas, der die Hirsche sonst erschoss, genießt zum ersten Mal den Anblick der erhabenen Tiere. Doch die Jagd, sie geht weiter … (vs)

Die Jagd (Poster)