Die Frau des Polizisten

„Sollte man sehen“ kulturmovies

Der Film beginnt mit weißer Schrift auf schwarzem Grund: „Anfang Kapitel 1“. Man sieht einen Wald – karges Geäst statt majestätischer Baumkronen -, und hören den Wind wehen. Nach einer Minute färbt sich das Bild wieder schwarz: „Ende Kapitel 1“, „Anfang Kapitel 2“. Das wird noch 59 Mal so gehen. Die Erzählform, die Regisseur Philip Gröning für seine kleinbürgerliche Tragödie gewählt hat, befremdet – und erweist sich erst mit zunehmender Laufzeit als sinnstiftend. Auf die Naturmetaphorik im ersten Bild folgt der erste von zahlreichen Brüchen: Der Polizist Uwe (David Zimmerschied) schlurft durch ein backsteinernes Labyrinth aus eintönigen Einfamilienhäuserwänden. Er kommt nach Hause, zieht sich um, wäscht sich, die Kamera beobachtet ihn dabei minutenlang – lange wurde die Monotonie des Alltags nicht mehr so konsequent illustriert wie hier. Zwei Kapitel später lernen wir Christine (Alexandra Finder) kennen, die titelgebende Frau des Polizisten, und die gemeinsame Tochter. Es folgen diverse Momentaufnahmen ihres Familienlebens, die so harmlos sind, dass der erste beiläufig ins Bild gerückte blaue Fleck auf dem Rücken der Ehefrau eine umso größere Schock- und Signalwirkung hat – Uwe schlägt seine Frau.

„Die Frau des Polizisten“ muss man aushalten wollen

Die Kapitelüberschriften reißen den Zuschauer immer wieder aus dem Geschehen, ermöglichen aber keine Atempause, die strenge Struktur des Films erzeugt ein Gefühl permanenter Enge. Bei aller Echtheit – die Dialoge sind größtenteils improvisiert – gibt es aber auch Momente, in denen Grönings Kunstsinn seltsame Blüten treibt: Wenn Uwe etwa bei einem seiner unvermittelten Gewaltausbrüche „Du bist doch die Basis meiner Logistik!“ schreit, erinnert das an Laientheater, wenn Gröning Mutter und Tochter badend in unwirklichen Größenverhältnissen zur Wanne zeigt, ist das eine Stilisierung zu viel. Dennoch ist der Film als Versuchsanordnung über häusliche Gewalt sehenswert: Den zwischen Hilf- und Teilnahmslosigkeit schwankenden Figuren drei Stunden lang bei ihrer Nichtinteraktion und der verzweifelten Aufrechterhaltung des vermeintlichen Idylls zuzusehen, ist in manchen Szenen eine Tortur. Ein Brocken von einem Film, den man aushalten wollen muss – bei den letztjährigen Filmfestspielen von Venedig gab es dafür den Spezialpreis der Jury. (sb)

Die Frau des Polizisten (Poster)