Der Pfad

„Muss man sehen“ kulturmovies

Der Pfad | Kritik

Filme über die Nazizeit bekommen Kinder von wohlmeinenden Eltern und Lehrkräften öfters vorgesetzt. Aber wie viele davon schauen sie sich freiwillig an? Mit Der Pfad will Regisseur Tobias Wiemann die Thematik auf eine unterhaltsame Weise behandeln, ohne in die Seichtigkeit abzurutschen. Entsprechend ist der Film als episodisches Abenteuer angelegt.

Ein Kniff, der teilweise über die Metabene funktioniert: Denn auch für Rolf (Julias Weckauf, bekannt als kleiner Hape Kerkeling in „Der Junge muss an die frische Luft“) ist das Exil selbst im Jahr 1940 noch ein großes Spiel. Dafür sorgt sein Vater Ludwig (Volker Bruch), ein Journalist, der wegen seiner kritischen Texte von den Nazis gesucht wird. Mit Humor und Fantasie schafft er es, Rolf vor dem Schlimmsten zu bewahren – obwohl sie aus Deutschland nach Südfrankreich fliehen mussten und auch dort bald nicht mehr sicher sind. Sie wollen weiter nach New York, wo Rolfs Mutter (Anna Maria Mühe) schon wartet. Dazu müssen Vater und Sohn über die Pyrenäen nach Spanien wandern. Als Führerin heuern sie die zwölfjährige Núria (Nonna Cardoner) an, deren Eltern von Faschisten ermordet wurden. Doch schon kurz nach dem Aufbruch wird Ludwig gefangen genommen, und die Kinder sind auf sich allein gestellt. Núria verspricht Rolf, ihm bei der Suche nach seinem Vater zu helfen, aber in Wahrheit hofft sie vor allem, Neues über ihre Eltern zu erfahren. Könnte es sein, dass sie gar wirklich nicht tot sind?

Wie Vater Ludwig versteckt Wiemann selbst den Ernst der Lage bevorzugt hinter Humor, spektakulären Landschaftsbildern und aufgeweckten Figuren, die auch in der schlimmsten Lage den Kopf nicht hängen lassen. Rolfs steter Begleiter, sein niedlicher Hund Adi, ist besonders kindgerecht. Dennoch verkommt „Der Pfad“ nicht zur Verklärung, denn Wiemann zeigt auch die Gefahren auf, die Rolfs Naivität birgt: Erst dadurch, dass er Adi heimlich mit auf die Wanderung schmuggelt, verschuldet er indirekt die Gefangennahme seines Vaters. Im Laufe des Films lernt der Junge von der weitaus erwachseneren Núria nicht nur Mut und Verantwortung, sondern auch – noch wichtiger – Selbstaufopferung und Solidarität. Im Gegenzug erinnert Rolf Núria daran, dass sie trotz allem noch Kinder sind, indem er ihr aus Erich Kästners „Der 35. Mai“ vorliest. Die Aussage: Auch scheinbar unschuldige Kunst kann ein subversiver Akt sein – immerhin musste Kästner selbst zusehen, wie die Nazis seine Bücher verbrannt haben.

Als Vorbild für das Drehbuch dienten Autor Rüdiger Bertram die Erinnerungen von Lisa Fittko, die vielen Geflüchteten über die französisch-spanische Grenze geholfen hat, darunter auch Walter Benjamin, der allerdings in Katalonien festgesetzt wurde und schließlich Suizid begangen hat. So düster wie diese wahre Geschichte wird Wiemanns Film nie, aber die reale Gefahr der Verfolgung schwingt unterschwellig jederzeit mit. Und nicht nur sie: In Zeiten, wo an den Grenzen Europas regelmäßig Kinder auf der Flucht sterben, lässt sich die aktuelle Relevanz von „Der Pfad“ nicht ignorieren.

Matthias Jordan

Der Pfad | Fotos

Der Pfad | Besetzung

Der Pfad (Poster)

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