Der Junge im gestreiften Pyjama

„Muss man sehen“ kulturmovies

Das KZ als Spielwiese? Die Perspektive dieses Films, der unschuldig-naive Blick eines Kindes, weckt Erinnerungen an Roberto Benignis „Das Leben ist schön“. Basierend auf dem Bestseller von John Boyle erzählt Regisseur Mark Herman die Geschichte des achtjährigen Brunos, der Anfang der 1940er-Jahre aus seiner Heimat Berlin fort muss, weil sein Vater, ein Soldat, befördert wird. Die Familie zieht aufs Land, wo Bruno keine Spielkameraden hat. Getrieben von Langeweile macht er sich auf zu dem Gelände, das er vom Fenster des neuen Domizils aus gesehen hat und das er für einen Bauernhof hält, dessen Bewohner sogar tagsüber lustige Schlafanzüge tragen. Am Stacheldrahtzaun freundet er sich mit dem kleinen Schmuel an und besucht ihn fortan heimlich – nichtsahnend, dass Schmuel Häftling im Vernichtungslager Auschwitz ist …

Ein als Märchen zu lesendes Kunstwerk

Die Stärke des Films ist seine Mischung aus Fakt und Fiktion, die den Horror des Naziregimes gerade nicht trivialisiert. Wenn ein SS-Wächter den Rauch aus den Verbrennungsöfen mit den Worten „Sie riechen noch schlimmer, wenn sie tot sind“ kommentiert, wühlt das mehr auf als jeder Leichenberg. Im Vergleich zur Vorlage geht der Film Kompromisse ein: Anders als im Buch kommt Brunos Mutter irgendwann hinter die traurige Wahrheit und steht damit stellvertretend für viele, die vom Holocaust wussten, aber lieber wegschauten. Nach Auschwitz, schrieb Adorno einst, sei es barbarisch, Gedichte zu schreiben. Dabei stellte er nicht die Kunst als solche in Frage; vielmehr habe die Kunst die Aufgabe, die Erinnerung aufrechtzuerhalten. Dieser mutige Film, ein als Märchen zu lesendes Kunstwerk, erfüllt Adornos Forderung auf ganzer Linie. (mcs)

Der Junge im gestreiften Pyjama (Poster)