Der freie Wille

„Muss man sehen“ kulturmovies

Ein Mann sitzt nachts auf einer Bank und wartet auf die Bahn. Neben ihm, auf einem Werbeplakat für einen Unisexduft, greift ein Jüngling einer Frau von hinten in die Hose – sie genießt es. Der Mann auf der Bank knetet die Hände, seine Augen wandern mit unruhigem Blick immer wieder zu einer Frau, die ebenfalls wartet. Der Mann ist ein Vergewaltiger … Regisseur Matthias Glasners liefert mit dieser Szene keine Amnestie für Triebtäter; vielmehr zeigt er, wie schwer es in einer übersexualisierten Gesellschaft ist, seine eigenen dunklen Gelüste zu deckeln. „Der freie Wille“ bricht mit Tabus. Er stellt die vergebliche Resozialisation des Vergewaltigers Theo (Jürgen Vogel) in den Mittelpunkt. Er schaut quälend lange hin, wenn Theo fremden Frauen nachstellt, in ihre Wohnungen eindringt, sie missbraucht, als „Fotze“ beschimpft, zusammenschlägt, wie Vieh liegen lässt. Und er nimmt einem jede Illusion, dass die Liebe als allmächtiges Prinzip diesen Mann retten könnte. Es ist zutiefst deprimierend und von einer erschlagenden Ehrlichkeit, Theo dabei zuzusehen, wie er kurz das Glück berührt, um dann umso furchtbarer zu scheitern.

„Der freie Wille“ geht nicht einfach an die Schmerzgrenze.

Theo versucht, sich mit Kampfsport und fast gewalttätiger Masturbation zu maßregeln. Er lernt die verstörte und aggressive Nettie (Sabine Timoteo) kennen, die zu keinem Mann außer ihrem Vater eine Beziehung hat und dessen psychologischer Knute entfliehen will. In einer Welt, der die Abwesenheit von Hoffnung alle Farben entzogen hat und sie in betongraue Tristesse kleidet, geben sich Theo und Nettie gegenseitig Halt. Doch sein Trieb ist zu stark – der freie Wille hat seine Grenzen … Während Jürgen Vogel den Theo introvertiert und verschlossen anlegt, reißt sich Sabine Timoteo nicht nur sprichwörtlich die Kleidung vom Leib – sie entblößt sich komplett. Ihre Darstellung der Nettie, die in Theo den Ausweg aus ihrem inneren Gefängnis sieht, ist die bedingungsloseste Darstellerleistung, die es seit Jahren im deutschen Film gab. „Der freie Wille“ geht nicht einfach an die Schmerzgrenze. Er geht weit darüber hinaus, um dort etwas zu finden, was jenseits des Schmerzes liegt: Erlösung. Der Weg dorthin ist jedoch kaum zu ertragen. (vs)