Come on Come on

„Sollte man sehen“ kulturmovies

Come on Come on | Kritik

Die Filme des amerikanischen Regisseurs Mike Mills sind im Grunde filmische Essays. Beim Œuvre des 52-Jährigen handelt sich um Autofiktion mit fiktiven Handlungen, der tiefgehende persönlich Themen und Motive zugrunde liegen. „Beginners“ (2010) mit Ewan McGregor, Melanie Laurent und Christopher Plummer war inspiriert von Mills Vater, der sich im hohen Alter outete und bis zu seinem Tod schwul lebte. „Jahrhundertfrauen“ von 2016 mit Annette Bening, Elle Fanning und Greta Gerwig war Mills’ Mutter gewidmet, deren Leinwandpersona als Alleinerziehende mit dem pubertierenden Sohn überfordert ist und sich die Hilfe ihrer Untermieterinnen holt.

Mit Come on, Come on ist Mills nun bei sich angekommen: Der Film basiert auf Gesprächen mit seinem 2014 geborenen Sohn. Radiojournalist Johnny (Joaquin Phoenix) muss seinen neunjährigen Neffen Jesse (Woody Norman) mit auf eine berufliche Reise nehmen, bei der er Kinder und Jugendliche nach ihren Träumen und ihren Vorstellungen von der Zukunft befragt. Johnnys Schwester Viv (Gaby Hoffmann) kümmert sich derweil um den psychisch labilen Vater von Jesse. Johnny und Jesse müssen sich unterwegs kennenlernen – und vor allem Johnny, der kinderlose, frisch getrennte Fragesteller, muss lernen, dass Kinder auf ganz besondere Weise kommunizieren, und dass man als Erwachsener selber besser kommuniziert, wenn man mit Kindern kommunizieren kann … Ähnlich wie in Mills vorherigen Werken geht es ausgehend vom Mikrokosmos des Individuums auf in den Makrokosmos des Lebens. Bild- und Tonschnipsel aus Filmen, Musik und Büchern, die Mills etwas bedeuten, machen den Film zu einer Art Sinfonie der Sinneseindrücke, eingerahmt von Vaterfigur-Sohn-Disputen oder Krisentelefonaten zwischen den Geschwistern, weil Johnny mit Jesse nicht zurechtkommt.

Der Film verharrt dabei des Öfteren in diesem Erziehungs-Klein-Klein zwischen Johnny und Viv und in Aussagen wie „Das kann man gar nicht richtig machen mit dem Kind, niemand weiß, wie das geht“. Dadurch wirkt er privater, als er eigentlich ist, denn Come on, Come one beruht im Gegensatz zu Mills‘ vorherigen Filmen weniger auf Autobiografischem. Es scheint ganz so, als verarbeite der Regisseur hier seine eigene Überforderung mit seiner Rolle als Vater und Beschützer (eine Parallele zur Situation der Mutter in „Jahrhundertfrauen“). Man könnte es aber auch so interpretieren, dass Mills ganz offen in seiner Kunst das ephemere Wesen von Glück betrauert; dass alles, selbst die im Nachhinein schönen Erinnerungen an einen Streit mit dem Neffen letztlich verblassen und vergehen werden; dass man nicht alles, alles festhalten kann, was einen an der Seele rührt. Deshalb versuchen seine Figuren, dies alles festzuhalten, und Mills bereitet diese Szenen manchmal gar dreimal auf: als gespielte Szene zwischen Johnny und Jesse, als gesprochenen Telefondialog zwischen den Geschwistern und als reflektierenden Audioeintrag von Johnny. Die Filmhandlung, sowieso eher statisch als dynamisch, kommt dadurch teils zum Erliegen. Hat man diese nabelschauigen, vielleicht aber auch ganz menschlichen Ausbremser akzeptiert, sieht man einen in sinnlichen Schwarz-Weiß-Bildern in Los Angeles, New York und New Orleans gedreht Film, der die Kraft der Erinnerungen mit der Macht der selbst gestaltbaren Zukunft verquickt – einer Macht, die in unserer Gegenwart mit kontinuierlichen globalen Krisen, Klimawandel und Krieg in der Wahrnehmung junger Menschen immer mehr zu etwas wird, das sie eben nicht mehr selber in der Hand haben. Die Kinder drücken diese Sorge in fast jeder der echten, in die Filmhandlung integrierten Interviewsequenzen aus.

Und was hilft? Mills findet: Sich gegenseitig verstehen und lieben wäre nicht das Schlechteste. Come on, Come on ist wie alle von Mike Mills’ Kinofilmen eine Hommage an dieses wunderbare, schräge Leben, durch das wir uns alle tastend und unwissend fortbewegen – wohl wissend. dass wir irgendwann in Dunkle schreiten werden. vs

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Come on Come on | Besetzung

Come on Come on (Poster)

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