Blutsauger

„Muss man sehen“ kulturmovies

Blutsauger | Kritik

Irgendwo in den Dünen der Ostsee beißen im Jahr 1928 Vampire ihre Zähne in die Hälse der Arbeiter und Landwirte. Die aber sitzen der Irrlehre auf, wonach sie sich nicht genügend gewaschen und sich deshalb chinesische Flöhe eingefangen hätten. Dann kommt mit dem sowjetischen Fabrikarbeiter Ljowuschka ein Flüchtling in die Region und wird in einem Badeort von der Fabrikbesitzerin Octavia Flambow-Jansen aufgelesen. Der Exot aus dem kommunistischen Imperium darf in ihrem Luxusanwesen wohnen, und in der Folge kommen sie sich sogar näher, auch wenn Beziehung aufgrund der Klassenunterschiede wohl kaum eine Chance hätte. Ljowuschka (Alexandre Koberidze) war von Regisseur Eisenstein für seinen Film „Oktober“ als Trotzki gecastet worden, dann aber wurden alle Szenen mit ihm gestrichen, weil der echte Trotzki bei Stalin in Ungnade fiel. Die Folge: Auch Ljowuschka war in der Sowjetunion nicht mehr gelitten und machte sich auf die Flucht – er will Karriere in Hollywood machen.

Die subtil-anarchische Komik des Films Blutsauger (ab 12. 5. im Kino) von Regisseur Julian Radlmaier kann in einer Rezension nicht annähernd wiedergegeben werden. Radlmaier („Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“) lässt zunächst einen Marx-kritischen Karl-Marx-Lesekreis auf uns los, der kontrovers verhandelt, inwiefern Kapitalisten als Ausbeuter bildlich gesehen Vampire sind. Dann setzt der Regisseur das Bild ganz frech in Handlung um: Die Kapitalistin Octavia hängt ihrem Diener Jakob (sie nennt ihn ihren persönlichen Assistenten) immer mal wieder am Hals, und auch andere finden morgens frische Einstichstellen an ihrem Körper. Gestelzte Dialoge erinnern an die Methode Loriots beim Errichten von Fallhöhen, die Kamera tritt in der eh schon entschleunigten Handlung zusätzlich auf die Bremse: Der Film wird bestimmt von langen Einstellungen in der Totalen, wobei jede dieser Einstellungen wie eine Bildkomposition daherkommt, innerhalb der sich die Menschen wie in einer Choreografie bewegen.

Radlmaier gelingt es nicht nur, mit „Blutsauger“ eine gelungene, hochkomische Vampirkomödie zu präsentieren. Obwohl man angesichts der (oft auch russischen) Dialoge vor Lachen fast unter den Kinosessel rutscht, sind die Gespräche auf einer zweiten Ebene aufgrund ihres Fun-Faktors regelrecht gebrochene marxistische Schulung. Und wenn bei einem Gespräch am Ostseestrand am Horizont ein moderner und sehr langsamer Containerfrachter vorüberzieht, wird der doppelten Kodierung der Dialoge durch das Bild eine dritte hinzugefügt wird, und man weiß: Hier geschieht jede Kleinigkeit mit Absicht, hier hat man mit dem Dreh auf dieses moderne Containerschiff gewartet.

Ein letztes Wort zum Line-up: Lilith Stangenberg (Schauspielhaus Zürich, Volkstheater Berlin) als Octavia, Andreas Döhler (Berliner Ensemble) als Dr. Humburg und Mareike Beykirch (Münchner Kammerspiele) als Jewka zeigen ebenso Radlmaiers Vernetzung in der Theaterszene wie das Mitwirken von Regisseurinnen, Performern oder Filmproduzentinnen vor der Kamera.

 

Text: Jürgen Wittner

Blutsauger | Fotos

Blutsauger | Besetzung

Blutsauger (Poster)

Nichts verpassen! Einfach unseren Film-Newsletter abonnieren! Anmelden