Berlin Syndrom

„Kann man sehen“ kulturmovies

Mit großen Augen kommt die Backpackerin Clare (Teresa Palmer) aus der U-Bahn-Station Kotbusser Tor, die Kamera umkreist sie, dazu läuft erbauliche Musik. Clare ist aus Brisbane nach Berlin gekommen, „um was zu erleben“ – und irgendwie wohl auch, um sich selbst zu finden. Sie trifft den Lehrer Andi (Max Riemelt), verbringt eine Nacht mit ihm und quartiert sich schließlich ganz bei ihm ein. Doch bald wächst die Gewissheit, dass Andi ihr ganz bewusst keinen Schlüssel hinterlässt: Clare ist seine Geisel … Als Genrefilm verfehlt „Berlin Syndrom“ seine Wirkung nicht, doch der Thriller ist für Regisseurin Cate Shortland nur Vehikel: Andi ist traumatisiert durch die Flucht seiner Mutter in den Westen und hat nun panische Angst davor, verlassen zu werden, was sich in manischem Kontrollzwang ausdrückt. Die Wände der Altbauwohnung stehen für die Mauer, die auch fast drei Jahrzehnte nach der Wende in den Köpfen weiterbesteht, und für die Isolation, die Menschen in der belebten Millionenmetropole erfahren können – ein Überbau, den der Film plump psychologisierend wie ein Banner vor sich herträgt. Am Ende wünscht sich Clare ihr beschauliches Leben zurück, der Backpack-Traum ist zerplatzt, die Hauptstadt ein Moloch – auf der Tonspur ironisch kommentiert von Petula Clarks Evergreen „Downtown“. sb

Berlin Syndrom (Poster)