Benedetta

„Sollte man sehen“ kulturmovies

Benedetta | Kritik

Die Toskana im 17. Jahrhundert: Als die junge Benedetta Carlini (Virginie Efira) von ihren Eltern ins Kloster von Pescia gebracht wird, braucht diese nicht lange, um sich dort heimisch zu fühlen. Mit ihrem nur auf sich und Jesus bezogenen, obsessiven Glauben wird sie in Paul Verhoevens neuem Film Benedetta allen anderen Schwestern des Ordens schnell fremd,vor allem aber die Äbtissin Felicita (Charlotte Rampling) misstraut Benedetta von Anfang an. Und doch wird Benedetta von allen unterschätzt, denn vor dem Hintergrund der überall grassierenden Pest greift sie mit der Kraft der Wunder und der Intrige nicht nur nach der Macht im Kloster. Benedetta sucht voller Größenwahn die Auseinandersetzung mit der männlich dominierten Amtskirche …

Regisseur und Atheist Paul Verhoeven hat mit Benedetta (im Kino ab 2. 12.) einen zwiespältigen Film gedreht. Einerseits ist der Film ein Politthriller im Kloster. Bei der Frage, ob die Stigmata der Novizin an den Händen und Füßen sowie am Leib echt sind oder Fake, geht es schnell nicht mehr um den Glauben, sondern um Politik: Wer Jesu Stigmata am Leib trägt, hat die Macht. Kein Wunder, dass Benedetta der Scheiterhaufen droht, falls das Kirchengericht sie schuldig spricht. Doch das ist nicht so leicht, denn Benedetta macht ihre Wundmale öffentlich, und schon bald grassiert das Gerücht von der Nonne mit den Stigmata in der ganzen Stadt, und auch die Nonnen des Klosters reagieren mit weitaus mehr als nur Ergriffenheit auf das Wunder. Aber ist es wirklich eines?

Andererseits widmet sich der Film intensiv der lesbischen Liebe hinter Klostermauern: Benedetta und die junge Bartolomea (Daphné Patakia) treiben es mit einer Marienstatue, die sie zu einem Dildo umgeschnitzt haben. Dieses Geheimnis aber ist viel gefährlicher für die beiden als Benedettas Griff nach der Macht: Blasphemie endete in der Historie der katholischen Kirche meist mit dem Tod.

Paul Verhoeven bringt in dieser sich zuspitzenden Lage einen Twist nach dem anderen (hier lässt „Basic Instinct“ größen), die Scheiterhaufen brennen innerhalb der Klostermauern gefühlt immer, während draußen in Stadt und auf dem Land die Pest die Menschen dahinrafft. Als der päpstliche Nuntius aus Florenz anreist, um die revolutionäre Situation im Kloster wieder in den Griff zu kriegen, verwehrt man ihm – vordergründig wegen der Pest – zunächst den Einlass. Als er dann doch reingelassen wird, ist das für ihn aber nur auf den ersten Blick ein Erfolg …

Verhoeven hat die Politintrigen schön eingefangen. Den Madonnendildo kann ein Ex-Katholik zwar nur milde belächeln, aber die Bedeutung der Blasphemie als Todsünde und damit als Machtmittel war nun mal über Jahrtausende nicht wegzudiskutieren. Und dass Sex schlechthin das Thema des inzwischen 83-jährigen Regisseurs ist, weiß jeder, der sich mit Verhoevens Werk auskennt.

Jürgen Wittner

Benedetta | Fotos

Benedetta | Besetzung

Benedetta (Poster)

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