Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

„Sollte man sehen“ kulturmovies

Vom Vorgesetzten erpresst, von weiblichen Gästen vernascht und von Hehlern im Preis gedrückt: Der Hochstapler Felix Krull (Jannis Niewöhner) lebt als Hotelangestellter im Paris des späten 19. Jahrhunderts wahrlich von der Hand in den Mund. Allerdings macht er das mit einer solchen Raffinesse und Eleganz, dass man, was er tut, kaum als Arbeit sehen mag. Auch Marquis Louis de Venosta (David Kross) ist baff erstaunt, als er den Kellner Krull in Ausgehgarderobe im noblen Restaurant um die Ecke wiedererkennt. Sie setzen sich, und Felix Krull erzählt dem Marquis seine Lebensgeschichte – Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull.

Die Neuverfilmung von Thomas Manns Schelmenroman um den Hochstapler Felix Krull wählt gleich auf mehreren Ebenen einen anderen Zugang zur Geschichte als die literarische Vorlage. Nicht erst der 40jährige Felix Krull erzählt sein Leben, er erzählt sie auch nicht den Menschen, die gerade das Buch in der Hand halten oder den Film schauen: Er erzählt sie, wie eben schon gesagt, dem Marquis, und von Anfang an weiß man, dass der Blender auch jetzt schon wieder Hintergedanken hat, denn Felix Krull hat sich mit seiner Geliebten Zaza (Liv Lisa Fries) abgesprochen. Die ist seit Wochen auch die Geliebte des Marquis und möchte unbedingt geheiratet werden, um abgesichert zu sein.

Regisseur Detlev Buck hat gemeinsam mit Schriftsteller Daniel Kehlmann die Romanvorlage für „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ drastisch umgeschrieben, in der Krull nichts mit Zaza hatte. Hier im Film aber baut sie den noch jungen Hochstapler regelrecht auf, sie unterweist ihn auch, mit welchen Tricks er bei der Tauglichkeitsprüfung zum Militär ausgemustert wird. Die beiden führen ein leidenschaftliches Liebesleben, das aber von Anfang an nie auf Exklusivität ausgerichtet war. Probleme scheint Krull keine zu haben, die hat da schon eher der junge, reiche Marquis: Da er von seinem Vater nicht enterbt werden möchte, muss er innerhalb kürzester Zeit zu einer Weltreise aufbrechen. Doch Felix Krull und Zaza finden da schon einen Weg …

Buck hat ein Starensemble um das Trio versammelt: Joachim Król, Maria Furtwängler, Désirée Nosbusch, Nicholas Ofczarek, Dominique Horwitz, Martin Wuttke, Christian Friedel und Michael Mertens spielen mit, wobei Ofzarek als korrupter Vorgesetzter im Pariser Hotel ein harter Brocken für Krull ist, während Joachim Król als Professor Kuckuck dem Hochstapler im Finale des Films den letzten Schliff verleiht, der ihm noch fehlte – für den Adel. Eigentlich kann man – und das ist gar nicht zynisch gemeint – den Hochstaplerfilm als Verfilmung eines Bildungsromans sehen, ironisch gebrochen. Die Moral aber ist bei der Überwindung von Klassengegensätzen mit Hilfe von gefälschten Identitäten nichts anderes als ein Gitter, das im Wege steht und weggeräumt werden müssen.

Jürgen Wittner