Babel

„Muss man sehen“ kulturmovies

„Wir sind alle eins“, sagt dieser Film. „Die Konsequenzen unserer Handlungen reichen weit über unseren privaten Raum hinaus – sie reichen um die Welt.“ Was der Gewehrschuss, den zwei Hirtenjungen auf einen Touristenbus abfeuern, an Leid und Tod und auch an Hoffnung auf drei Kontinenten auslöst – das ist Teil einer kausalen Kette, die sich um den Globus spannt und in dem jedes Glied mit allen anderen Gliedern verbunden ist, nur, dass sie nichts voneinander wissen. Iñárritu, der in „Amores Perros“ und „21 Gramm“ die Erzählebenen verschränkte und zerhackte und Chronologien aufbrach, erzählt vier Geschichten, die er in immer gleicher Abfolge episodisch aufreiht und mit der Handkamera einfängt. Alles beginnt damit, dass ein japanischer Tourist seinem marokkanischen Führer ein Gewehr schenkt. Dann sind da die zwei Jungen, die mit dem Gewehr Schießübungen machen. Da ist das amerikanische Paar (Brad Pitt, Cate Blanchett), das in einem Bus durch die marokkanische Wüste fährt. Da ist das mexikanische Kindermädchen des US-Paares, das ihre Schutzbefohlenen zusammen mit ihrem Neffen (Gael García Bernal) nach Mexiko zur Hochzeit ihres Sohnes mitnehmen muss, weil die Eltern wegen der Schussverletzung der Mutter in Marokko festsitzen. Da ist das taubstumme japanische Mädchen, das seit dem Selbstmord ihrer Mutter ein gestörtes Verhältnis zu ihren Vater hat – dem Touristen, der das Gewehr verschenkte …

„Babel“ ist von epochaler Bedeutung

Virtuos verwendet Iñárritu das biblische Motiv des Turm von Babel, für dessen Bau die Menschen von Gott mit einer erschwerten Kommunikation durch unterschiedliche Sprachen bestraft wurden. Das Sich-nicht-verstehen ist ein weiteres Motiv des Films: Das Ehepaar in Marokko landet in einem Dorf ohne englischsprachige Bewohner, braucht jedoch dringend einen Rettungshubschrauber. Zwischen dem Kindermädchen, ihrem Neffen und dem Grenzbeamten kommt es zu fatalen Missverständnissen, obwohl alle Spanisch sprechen. Das japanische Mädchen schreit stumm seine Umwelt an, weil sie sich nicht verstanden fühlt. Dass die Erste Welt – das Ehepaar – symbolisch von dem verletzt wird, was sie in Person des Japaners und in Form des Gewehres in der Dritten Welt unabsichtlich hinterlassen und damit angerichtet hat – das sagt mehr aus über das global gespannte, unsichtbare Band zwischen Arm und Reich als jeder Kongress und jede UNO-Studie. Die Nöte der Armen kommen auf die Reichen zurück – und nur an ihnen liegt es zu entscheiden, ob es unheilvolle oder gute Geister sein werden, die man rief. Ein Film von epochaler Bedeutung. (vs)

Babel (Poster)