Atomkraft forever

„Muss man sehen“ kulturmovies

Atomkraft forever | Kritik

Ein Jahr vor der Stilllegung der letzten Atomkraftwerke in Deutschland zieht Regisseur Carsten RAu mit seinem Dokumentarfilm Atomkraft forever Bilanz. Und die fällt nicht gut aus.

Atomkraft forever unternimmt gleich drei Reisen: Die erste geht von Greifswald in Vorpommern über das bayerische Grundremmingen nach Köln und von dort ins französische Cadarache, danach auf einen Abstecher zurück nach Greifswald und schließlich nach Gorleben. Die zweite Reise ist eine Zeitreise: vom Bau eines Atomkraftwerks über den Betrieb und die Stilllegung, die spätestens nach 40 Betriebsjahren vorgenommen wird, womit die Reise noch lange nicht abgeschlossen ist: Es folgen nämlich eine Millionen Jahre, die es braucht, damit der radioaktive Abfall in einem noch nicht gefundenen Endlager endgültig abgeklungen ist. Regisseur Rau baute Werbefilme der DDR und der Bundesrepublik aus den 1960ern und 70ern ein und schnitt intensiv anmutendes Filmmaterial von Kameramann Andrzei Król gegen: aus dem DDR-Kernkraftwerk Greifswald – das nach 16 Jahren Betriebszeit seit 1995 von aktuell 814 Beschäftigten abgerissen wird –, aus Grundremmingen, aus dem Zwischenlager in Gorleben.

Kein einziger Kommentar aus dem Off, keine Wort der Einflussnahme, dafür ruhige Kameraeinstellungen und ein ruhiger und leicht bedrohlicher Score: Am bedrohlichsten aber sind die Statements aus Frankreich, und damit sind wir bei der dritten Reise angelangt, dem gesellschaftlichen Prozess des Atomausstiegs. In Frankreich nennt man Deutschlands Atomausstieg bei der Konferenz für junge Nuklearingenieure“ „lächerlich“, 35-Jährige treten als die Zukunft des Atomstromlandes Frankreich vor die Kamera und erklären in poetisch-blumigen Worten ihr Verhältnis zur Kernspaltung – sie sehen sich im Kampf gegen die Klimakatastrophe als Speerspitze der Bewegung.

Den gesellschaftliche Prozess um den Atomausstieg und um die Suche nach einem Endlager in Deutschland – es gibt weltweit noch keines! – lässt Regisseur Rau einerseits Steffen Kanitz vertreten. Kanitz ist Geschäftsführer der Bundesgesellschaft für Endlagerung BGE und verantwortlich für die Auswahlentscheidung für den endgültigen Standort. Für ihn ist strikte Wissenschaftlichkeit bei der Entscheidung für einen Standort die wichtigste Maxime. Jochen Stay, Sprecher von ausgestrahlt e. V. Hingegen hält den Aspekt der Einbindung der Menschen in die Entscheidung für sträflich vernachlässigt.

Atomkraft forever zeichnet diesen gesellschaftlichen Prozess und den damit verbundenen Diskurs nicht nur als offen. Dieser Diskurs wird auch noch auf mehreren Ebenen geführt, denn neben der Suche nach einem Endlager ringen die Parteien noch immer auf der Metaebene um die richtige Form des Diskurses und der damit verbundenen Machtfrage. Dass Carsten Rau diese hochkomplexe Gemengelage in 90 Minuten Dokumentarfilm gepackt hat; dass dieser Film spannend ist bis zu letzten Minute; dass er den Blick öffnet und kreativ macht für eigenes Denken: Das macht Atomkraft forever so wertvoll.

Jürgen Wittner

Atomkraft forever | Fotos

Atomkraft forever | Besetzung

Atomkraft forever (Poster)

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