Angelo

„Muss man sehen“ kulturmovies

Kurz vor Ende steht der alte Angelo in einem Museum vor einem Wandgemälde, das den Kontinent Afrika repräsentieren soll. „Das kommt ihnen sicher bekannt vor, oder?“, wird er gefragt, der Afrika zuletzt als Kind gesehen hat – und dessen Erinnerungen wenig gemein haben dürften mit der Collage an verkitschten Klischees und exotisierenden Zuschreibungen. Als Junge ist Angelo von Nigeria nach Europa verschleppt worden, wo er nun kein Sklavendasein fristet, sondern als Kammerdiener bis an den kaiserlichen Hof in Wien herumgereicht wird – und nie bei sich ankommen wird: Er ist das Imago eines edlen Wilden, ein Projekt und lebendiges Exponat, bis er nach seinem Tod tatsächlich ausgestopft in einer Vitrine endet. Durch das 4:3-Format hat auch Markus Schleinzers Film einen vitrinenartigen Charakter: Wir schauen aus der Distanz heraus auf Angelos in drei Abschnitte unterteiltes Leben, aber Sicherheit bietet uns Schleinzer dadurch nicht. Anstatt die historische Immersion zu suchen, bricht er sein Ausstattungskino voll gemäldeartiger und doch beengender Tableaus immer wieder gezielt durch theatrale Stilisierungen, die Brücken zum Jetzt schlagen und Raum für Reflexion schaffen: darüber, wie Identität geformt wird, über die Relativität von Freiheit, das Fremde als Konstruktion und Projektion. msb

Angelo (Poster)