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Amsterdam (2022)

Amsterdam (2022) (Poster)

Trailer

Bewertung

„Sollte man sehen“ kulturmovies

Filminhalt

Kinogroßmeister Billy Wilder hat einmal gesagt: „Ich habe zehn Gebote. Die ersten neun sind, du sollst nicht langweilen.“ Man kann dem neuen Film David O. Russell („The Fighter“, „Silver Linings“) einiges vorhalten – aber langweilen, das tut er ganz sicher nicht! David O. Russell, schon sechsfach für den Oscar nominiert, aber nie ausgezeichnet, dafür seine Schauspieler (Christian Bale) und Schauspielerinnen (Jennifer Lawrence, Melissa Leo), hatte seit 2015 keinen Film mehr gedreht. Dann nahm er sich 55 Millionen US-Dollar und die Stars Christian Bale, Margot Robbie, John David Washington, Chris Rock, Anya Taylor-Joy, Zoe Saldaña, Mike Myers, Rami Malek sowie Robert De Niro und Popstar Taylor Swift – und machte kein episches Starkino, sondern den wohl schrägsten Film des Jahres.

Im Grunde ist „Amsterdam“ ein klassischer Verschwörungsthriller wie Alfred Hitchcocks „Die 39 Stufen“ oder „Der unsichtbare Dritte“: Ganz normale Bürger werden in politische Intrigen bedrohlichen Ausmaßes verstrickt und dieser sogar zu Unrecht selber verdächtigt. Bei Russell sind es gleich drei Unschuldige: der im Ersten Weltkrieg versehrte, einäugige Arzt Burt Berendsen (Bale), der im Ersten Weltkrieg versehrte, schwarze Anwalt Harold Woodsman (Washington) und die Krankenschwester Valerie Voze (Robbie), die aus den Granatsplittern, die sie aus den Körpern der Soldaten zieht, Kunstwerke macht.

Der Spionage-Verschwörungs-Plot wird konterkariert von den Schauspieler:innen, die die Dialoge proklamieren wie Theatermimen oder Poesie Rezitatoren, die von ihren Gefühlen übermannt werden. Christian Bale spielt mal offenbar Robert De Niro, wenn De Niro in einer Komödie spielt, mal Laurel ohne Hardy, mal Bugs Bunny im Realfilm. Zudem heißt der Film zwar „Amsterdam“, es gibt aber keine einzige Außenaufnahme der Stadt, und die Handlung verweilt auch nur rund 15 Minuten dort.

Handlung? Ach ja, da war doch was. Also: Burt und Harold werden im Krieg schwer verwundet und lernen im Lazarett in Holland Valerie kennen, sie ist in ihrem Bunde die dritte. Die Drei leben wie der ganze Film einen Traum aus Braun, Beige und Sepia, man schwört sich ewige Treue. Bald jedoch kehrt Burt nach New York zurück („So können wir nicht ewig leben“), und auch Valerie verlässt Harold („Unsere Beziehung ist in diesen Zeiten nicht möglich“). 16 Jahre später, 1933. Burts und Harolds Ex-Offizier stirbt, seine Tochter (Swift) meint, er wurde ermordet, weil er etwas „Unglaubliches“ mitbekam.

Sie wird auch kurz darauf ermordet, was Burt und Harold mitansehen und fortan als Hauptverdächtige gelten. Nach einer Autopsie teilen sie aber die Meinung der Toten. Burt schluckt viele Schmerzpillen, Valerie taucht wieder auf, schluckt viel Psychopharmaka, ihr reicher Bruder (Malek) und ihre missgünstige Schwägerin (Taylor-Joy) tauchen auf, die Geheimdienste der USA und Englands tauchen auf, weil sie derselben Verschwörung auf der Spur sind. Und dann bleibt nur noch der höchstdekorierte Marine der US-Geschichte (De Niro), um Burt und Harold zu helfen.

Was die Verschwörung betrifft: Das Jahr 1933 und US-Industrielle mit Umsturzfantasien geben einen Hinweis, aus welcher Ecke sie kommt. Und auf den Gegner, den Russell damit im Amerika der Gegenwart ausmacht, und der gerade Ähnliches anpeilt: Trump, DeSantis, die Republikaner, QAnon. Auch die Häufung gemischtethnischer Amouren (Harold und Valerie, Burt liebt die afroamerikanische Irma) macht deutlich, wo Russell da steht. So ist „Amsterdam“ neben seiner skurrilen Mischung aus Komödie, Thriller, absurdem Theater und verbalem Ausdruckstanz nicht zuletzt ein hochpolitischer Film.

„Kunst und Liebe, sie machen das Leben lebenswert“, sagt Valerie gegen Ende mit Emphase. Wie wahr. Und nur die Liebe zur Kunst kann solche mutwillig auf der Grenzlinie zum totalen Scheitern balancierenden Filme hervorbringen.

  • Amsterdam (2022) (Filmbild 2)
  • Amsterdam (2022) (Filmbild 3)
  • Amsterdam (2022) (Filmbild 4)
  • Amsterdam (2022) (Filmbild 5)

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