Alle Farben des Lebens

„Kann man sehen“ kulturmovies

Die 16-jährige Ramona (Elle Fanning, „The Neon Demon“) lebt schon seit Jahren als Junge, neuen Bekanntschaften stellt sie sich als Ray vor. Doch der letzte Schritt für einen Neuanfang steht Ray noch bevor: Eine geschlechtsangleichende Operation, für die er die Unterschrift seiner Mutter benötigt – und auch die seines Vaters, zu dem er längst keinen Kontakt mehr hat … Dass Themen wie Transidentität allmählich in die Mitte der Gesellschaft vorrücken, ist so begrüßenswert wie wichtig, wird damit doch jener Normalität zugearbeitet, die sich nicht nur Ray sehnlich wünscht. In kaum einem anderen Film hat sich dieser Umstand bisher so sehr gespiegelt wie hier: Eine klassische, ja konservative Boulevardkomödie, in der altgediente Schauspielerinnen (Susan Sarandon als Rays Großmutter) in den Innenräumen eines Apartments entweder Schlagfertigkeiten austauschen oder ihre Gefühle erklären. Gaby Dellals Film richtet sich in erster Linie an Menschen, die sich mit Queerness und Geschlechtsidentität sonst eher nicht auseinandersetzen und gibt seinem Publikum als Identifikationsfigur die um Verständnis bemühte, aber von Zweifeln geplagte Mutter (Naomi Watts) an die Hand. Harmlos ist das, gut gemeint sowieso. Eine das Thema endgültig verwässernde Problematik ist aber, dass der Mut gefehlt hat, in der Hauptrolle einen Transjungen zu besetzen statt einer bekannten Schauspielerin. In Sachen sexueller Diversität steht Hollywood eben noch ganz am Anfang. sb

Alle Farben des Lebens (Poster)