All or Nothing

„Sollte man sehen“ kulturmovies

Dieses Leben, so heißt es, ist eines der schwersten. Wieder einmal hat Mike Leigh diesen Satz verfilmt: Er folgt einer Arbeiter-Familie durch einen Alltagsalbtraum aus Übergewicht, McJobs und Alkoholismus. „Wenn man wüsste, was passiert“, stellt der stoische Protagonist Phil (Spall) fest, „dann würde man morgens gar nicht aufstehen.“ Der übergewichtige Sohn verbringt seine Tage vor dem Fernseher, während Mutter Penny hinter ihrer Supermarktkasse verhärmt und Tochter Rachel einem Job als Putze nachgeht. Ihr Familienleben wird nur mehr von entleerten Ritualen zusammen gehalten, aus denen Liebe und Respekt verschwunden sind. Wie immer hat Leigh lange mit seinen Schauspielern geprobt und sie ihre Rollen selbst entwickeln lassen. Wie gewohnt, sind dabei ausgefeilte Figuren herausgekommen, die nicht viel reden müssen, um verstanden zu werden. So schafft Leigh überzeugende Prototypen, mit denen er die sozialen Bedingungen zu beschreiben versteht, ohne jemals offen von der großen Politik zu sprechen. In einer Welt, die geprägt ist von den Bedingungen des Kapitalismus, bleibt als letzter Hoffnungsschimmer nur die Liebe. Dass Leigh auf seine alten Tage so versöhnlich und pathetisch wird, konterkariert allerdings den Realismus des Films. (to)

All or Nothing (Poster)