Alice im Wunderland

„Sollte man sehen“ kulturmovies

Wunderland ist abgebrannt. Und Alice soll es retten. Knapp 20, aber immer noch verträumt und kindlich, wenn auch nach dem Tod des seelenverwandten Vaters auf eine eher depressive Weise, soll Alice (Mia Wasikowska) den betuchten Hamish (Leo Bill) heiraten. Das kommt überraschend für das bleiche Mädchen und passt nicht in ihre Pläne, auch wenn Alice eigentlich gar keine hat. Deswegen hat sich Tim Burton für seine Alice ein ganz besonderes Coming-of-Age ausgedacht: Es gibt ein Rückfahrticket ins Wunderland der Träume aus Kindertagen, natürlich stilgerecht mit Sturz durch den Hasenbau, mit Schrumpftrank und Wachstumstörtchen. Doch bald entwickelt sich die Geschichte anders, als Lewis Carroll es vorgemacht hat. Die Figuren, vom verrückten Hutmacher (Johnny Depp) bis zur roten Königin (Helena Bonham Carter), müssen ein Eigenleben entwickeln. Eigene Entscheidungen zu treffen, Selbstvertrauen in seine Ideen und seine Vorstellungen zu gewinnen: Darum geht es Burton für Alice, und sein Film spiegelt dass auch in seiner Erzählstruktur wider. Doch dieser Kunstgriff macht den knapp zweistündigen Film auch langsam.

„Alice im Wunderland“ ist blass und verloren

Betulich hangelt sich Burton von Zitat zu Zitat, bis die eigentliche, weil eigenständige Handlung Fahrt aufnimmt. Und wenn Alice dann so richtig ins Rasen gerät – immerhin soll die zarte Schönheit am Ende in Jeanne-D’Arc-Rüstung den Jabberwocky niedermetzeln – ist man ein bisschen enttäuscht. Anscheinend kann selbst ein Meister wie Burton, der den fast vollständig in blassen Farben gehaltenen Film mit vielen guten Bildideen spickt, sich nicht frei machen von den jüngsten Säulen der Tricktechnik. „Der Herr der Ringe“ und „Die Chroniken von Narnia“ lassen grüßen, wenn Burgen in den Himmel ragen und Armeen aufeinander zumarschieren. Dabei sieht man an den ausgeklügelten Figuren wie der roten Königin mit ihrem viel zu großen Kopf, wo Burtons einzigartiges Talent liegt. Auch das große Wow-Gefühl angesichts des 3-D-Effekts bleibt nach der Farborgie von „Avatar“ aus. Tim Burton ist sicher der einzig Richtige, um diesen Stoff zu verfilmen, doch seine verschrobene Genialität wirkt im Zeitalter des digitalen Kinos bisweilen so blass und verloren wie Alice im abgebrannten Wunderland. (kab)

Alice im Wunderland (Poster)