A Touch of Sin

„Sollte man sehen“ kulturmovies

Ein Minenarbeiter geht mit dem Schrotgewehr gegen die Bosse vor, die Volkseigentum zur persönlichen Bereicherung verkaufen. Ein Wanderarbeiter ermordet Reiche, um an Geld zu kommen. Eine Saunarezeptionistin wehrt sich mit dem Messer gegen sexistische Kundschaft. Ein Fabrikarbeiter schuftet in perspektivlosen Jobs, bis er erkennt, dass es für ihn nie besser werden wird. Kaum ein Film der letzten Jahre hat so konkret die Lebensumstände im modernen China angeprangert wie Jia Zhan-kes episodisches Drama. In grauen Bildern trister Industriestädte oder unter kühlem Neonlicht übervölkerter Metropolen entwirft der Drehbuchpreisgewinner von Cannes 2013 den Mikrokosmos eines Landes ohne Gerechtigkeit und Recht. Alle Figuren erleben eine unterschiedliche Verzweiflung, alle aber wissen sich gegen die korrupten Eliten und Funktionäre nur mit Gewalt zu wehren. Man muss schon die pointiert eingesetzten Martial-Arts-Elemente in der Action sehen, um aus der Brutalität gegen die Neureichen und Parteikader keinen Hilferuf oder gar einen Aufruf zum Widerstand zu sehen, so explosionsartig entlädt sich hier die Wut des Volkes – wie etwas, das sich sehr lange aufgestaut hat und dessen Ausleben tiefste Befriedigung verschafft, trotz aller Konsequenzen. „A Touch of Sin“ sollte eine Warnung sein an die Führung Chinas. Es gärt gewaltig im Reich der Mitte. (vs)

A Touch of Sin (Poster)