21 Gramm

„Sollte man sehen“ kulturmovies

21 Gramm, sagt der sterbende Sean Penn in den letzten Minuten des Films, verliert ein Mensch, wenn er stirbt. Der Tod ist das beherrschende Thema; er führt die drei Hauptfiguren zusammen, markiert das Ende allen Glücks und gleichzeitig neue Hoffnung. Der Mexikaner Inárritu („Amores Perros“, 2000) erzählt die Geschichte dreier Menschen, über denen das christliche Kreuz hängt wie ein Damoklesschwert. Ex-Sträfling Jack (Del Toro) hat zu Gott gefunden. Dann tötet er bei einem Autounfall die Familie von Cristina (eine offene Wunde: Watts), die später auf Paul (Penn) trifft, der das Herz ihres Mannes eingepflanzt bekam. Sie entwickeln ein selbstzerstörerisches Verhältnis zueinander und beschließen, Jack umzubringen. Auge um Auge, Zahn um Zahn … Inárritus Film sieht aus, als hätte er Jahre in einem Erdloch gelegen: schäbige, monochrome Häuser, eine spastisch zuckende Kamera und grobkörnige Bilder verzweifelter Menschen fangen eine Welt auf, in der alle Menschen Opfer sind – und ihre Sünden die Folge höherer Gewalt. Inárritu bricht die Chronologie auf, springt im Minutentakt zwischen den Zeiten und sorgt damit für Orientierungslosigkeit beim Zuschauer. Knapp eine Stunde in den Film hinein ist die Beklemmung durch die schicksalhaften Puzzleteile, die sich mit grausamer Logik zusammenfügen, dennoch so groß, dass man das Kino verlassen möchte, um das Unvermeidliche nicht sehen zu müssen. Aber Inàrritu überlädt seinen Film mit tonnenschwerer Last aus Schuld, Sühne und dem kritischen Gottesbild eines Katholiken. Der moralische Zerfall der Figuren lässt irgendwann kalt; zu sehr predigt ihn Inárritu mit der Unnachgiebigkeit einer alttestamentarischen Kanzelrede. Im Abspann singt Dave Matthews „Always and forever/is such a long and lonely time“. Das setzt den Schlusspunkt auf einen Film, der sich tief in die Adern und Arterien der Menschen gräbt – und dort zuviel schwarzes Blut findet. (vs)

21 Gramm (Poster)